Sport : Michael Johnson: Gold für das schnellste Auslaufen

Michael Johnson war wie im Rausch. Zuerst rannte er bei seiner Ein-Mann-Schau über die Stadionrunde alle in Grund und Boden. Dann feierte der US-Amerikaner ausgelassen wie noch nie mit den gut 110 000 Zuschauern ein Fest. Das Rennen war nicht mehr als ein gemütlicher Abendspaziergang im Olympic Park. Mit einer durchschnittlichen Schrittlänge von nur 215 Zentimetern, immerhin 18 Zentimeter weniger als die Reichweite von Cathy Freeman, trommelte Johnson über die Bahn, zog wie immer in der zweiten Kurve auf und davon und ließ es, die große Anzeigetafel am Ende der Zielgeraden immer im Auge, fast gemächlich ausklingen. Der Olympiasieger war sich seiner Sache sicher.

Johnson streckte die Zeigefinger zum Zeichen seines Triumphes in die Höhe, umarmte seinen zweitplatzierten Landsmann Alvin Harrison und drückte auch seinen anderen Konkurrenten die Hand. Dann nahm Johnson mit der US-Flagge auf einer Ehrenrunde Abschied von der olympischen Bühne, die Staffel ist nur noch Beigabe. "Das ist ein großes Ende meiner olympischen Karriere", sagte Johnson. "Ich liebe es, Geschichte zu machen."

Michael Johnson ist der erste Mann, der über die Stadionrunde seinen Olympiasieg wiederholen konnte." Bei den Frauen war dieses Kunststück zuvor nur der Französin Marie-Jose Perec (1992 In Barcelona und 1996 Atlanta) gelungen.

In seinem unnachahmlichen Laufstil, aufrecht wie ein Zinnsoldat, beendete der 33-jährige Weltrekordler seine letzten olympischen 400 Meter in 43,84 Sekunden. Seinen eigenen Weltrekord hatte er verfehlt - und damit auch das Ziel, als erster Läufer der Welt unter der magische Grenze von 43 Sekunden zu bleiben. "Egal", sagte Johnson, "bei Olympischen Spielen zählt nur der Sieg, und ich wollte kein Silber oder Bronze." Diesem Anspruch will er auch bei seinem zweiten Auftritt in Sydney gerecht werden. Mit der 4 x 400-Meter-Staffel will Johnson seinen fünften Olympiasieg einfahren.

Bereits im Vorjahr war ihm bei den Weltmeisterschaften in Sevilla dieses Doppel gelungen, und damit hatte er ebenfalls Geschichte geschrieben. Es waren seine Weltmeisterschaftstitel acht und neun, und mit dieser Bilanz übertraf er sogar seinen berühmten Landsmann Carl Lewis. Mit Weltrekorden im Olympiafinale von Atlanta über 200 Meter in 19,32 Sekunden und im Vorjahr in Sevilla über 400 Meter in 43,18 Sekunden hat er weitere Glanzpunkte einer unvergleichbaren Sportlerkarriere gesetzt. "In meiner Karriere", dozierte Johnson, "habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte."

Zuletzt war nicht alles optimal für Michael Johnson gelaufen. Ausgerechnet im Olympiajahr war er von starken gesundheitlichen Problemen geplagt worden. So schied Johnson bei den Trials, den olympischen Vorausscheidungen der US-Amerikaner, über 200 Meter aus und musste seine Hoffnungen auf zwei Einzelsiege bei Olympia wie in Atlanta 1996 begraben.

Auch zum Doping wollte er sich nicht äußern: "Ich will nicht selbstsüchtig sein, aber ich habe ein Recht darauf, mich zu freuen." Was er Marion Jones empfiehlt, der Frau, die in Sydney fünf Goldmedaillen holen will und die nun durch den Dopingfall ihres Ehemannes C. J. Hunter belastet wird? Michael Johnson überlegte einen Augenblick: "Ich denke, Marion Jones ist stark genug und lässt sich in ihrer Konzentration durch nichts ablenken."

Der Mann mit dem goldenen Schuh ist seinem Spitznamen "Superman" wieder einmal gerecht geworden. Der Schlusspunkt seiner Karriere sollen die Weltmeisterschaften 2001 in der kanadischen Stadt Edmonton werden. Johnson hat angekündigt, dass er spätestens dann zurücktreten wird. Die Standards, die er gesetzt haben, werden länger überdauern.

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