Michael Preetz : "Ehrliche Arbeit und Spieler, die brennen"

Herthas Manager Michael Preetz spricht im Interview über ein besonderes Jahr, die Rückbesinnung auf Berlin, den Neuzugang Thomas Kraft und die Visionen eines Bundesliga-Aufsteigers, der wenig Geld hat

Michael Preetz, 43, stieg in seinem ersten Jahr als Manager gleich mit Hertha BSC ab und kehrt nun wieder in die Bundesliga zurück. Foto: dapd
Michael Preetz, 43, stieg in seinem ersten Jahr als Manager gleich mit Hertha BSC ab und kehrt nun wieder in die Bundesliga...Foto: dapd

Herr Preetz, wahrscheinlich gibt Ihr Telefon keine Ruhe, seitdem der Aufstieg feststeht. Haben auch ein paar ungebetene Gratulanten angerufen?

Oh Gott, was für ein Einstieg! An wen haben Sie denn so gedacht?

Zum Beispiel an Dieter Hoeneß, Ihren Vorgänger.

Nein, Herr Hoeneß hat nicht angerufen.

Sein Bruder Uli, der Präsident des FC Bayern?

Ich glaube, die Münchner Presseabteilung hat Glückwünsche geschickt.

Wie Fans die Zweite Liga erlebten
Das erste Heimspiel gegen Oberhausen. Hatten gedacht, wir sind allein in der Zweiten Liga. Es kamen 48.000 gegen Oberhausen. Abstieg? Wurst! Ergebnis: 3:2. Foto: André GörkeWeitere Bilder anzeigen
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05.08.2011 19:06Das erste Heimspiel gegen Oberhausen. Hatten gedacht, wir sind allein in der Zweiten Liga. Es kamen 48.000 gegen Oberhausen....

Und Ihr früherer Kapitän Arne Friedrich, der nach dem Abstieg vor einem Jahr im Unfrieden nach Wolfsburg gezogen ist?

Von Arne habe ich eine SMS bekommen.

Ansonsten haben Sie neue Freunde gewonnen. Sie werden diese Saison mit einem Zuschauerschnitt von 46.000 beenden.

Das ist unglaublich, so viele Zuschauer hatten wir in der Bundesliga nicht immer. Nach einer tiefen Depression im vorigen Sommer haben wir es geschafft, zeitig die Stimmung in der Stadt zu drehen, ja fast eine Euphorie zu entfachen. Da müssen wir nach dem Abstieg schon ein paar Sachen richtig gemacht haben. Wir sind auf die Berliner zugegangen, wir haben sie abgeholt und eingebunden. Und wir sind mit den Füßen auf dem Boden geblieben und so aufgetreten, wie wir sind.

Wie sind Sie denn?

Realistisch. Glaubwürdig. Demütig. Diese Botschaft ist angekommen.

Angekommen sind vor allem die Siege.

Alles steht und fällt mit dem sportlichen Erfolg. Die Leute wollten sich nach der Abstiegssaison auch über gewonnene Spiele freuen, und wir wollen ihnen am Sonntag gegen Augsburg Sieg Nummer 23 schenken. Aber entscheidend war auch, dass wir mit unserer Bodenständigkeit den Sinn der Berliner getroffen haben. Wir wissen, dass Berlin hochdynamisch ist, hier wirst du schnell gefeiert und bist genauso schnell wieder weg vom Fenster. Aber ich glaube fest daran, dass wir die gewonnenen Fans behalten und noch neue dazu gewinnen können.

Diese Rückbesinnung auf Berlin ist ja kein Hexenwerk. Warum musste Hertha dafür erst in die Zweite Liga?

Wir haben vorher viele Ressourcen in Brandenburg eingesetzt, das hat viel Kraft gekostet und war sehr erfolgreich. Vielleicht war der Abstieg der richtige Zeitpunkt, um auch zu sagen: Jetzt ist es höchste Zeit, die Leute mitzunehmen, die wir in erster Linie erreichen wollen, weil sie in unserer Stadt leben. Da ist noch einiges zu tun, vor allem im Osten Berlins. Wir stehen erst am Anfang eines langen Prozesses, aber wir werden und wollen weitermachen. Nach dieser Saison wissen wir, was es heißt, tief unten noch einmal neu anzufangen.

Haben Sie irgendwann mal am Aufstieg gezweifelt?

Nie. Wenn man auf so einer Etappe losläuft, nimmt man immer ein Gefühl mit, und mein Gefühl war von Anfang an ein gutes. Es hat mich nicht getrogen. Natürlich gab es schwierige Phasen, aber im Nachhinein wundert es mich, dass es so wenige waren. Eigentlich hatten wir nur diese kleine Krise im Herbst mit drei Niederlagen hintereinander.

Und im Februar eine Fünf-Tage-Depression nach der Niederlage im Derby.

Da treffen Sie einen wunden Punkt. Für unsere Fans tut es mir leid, weil diese Niederlage völlig überflüssig war. Gegen eine Mannschaft, die anfangs deutlich schlechter war, müssen wir doch zur Halbzeit 4:0 führen, so ein Spiel darf nie im Leben verloren gehen. Dass wir da vor 75 000 Zuschauern versagt haben, verbuche ich unter der Erkenntnis, dass die Mannschaft immer diesem hohen Druck trotzen musste. Manchmal war der Druck eben zu hoch.

Diese Niederlage schmerzt immer noch.

Ja, das hat wehgetan, und dieser Schmerz bleibt auch. Aber wir nehmen aus diesem Spiel wie auch aus dem Abstieg mit, dass die große Kunst des Lebens darin besteht, sich nach einem Sturz wieder aufzurappeln. Arbeiten, die Kräfte bündeln, sich straffen und dann den Turnaround schaffen – dafür stehen wir.

Nach dem Abstieg standen auch Sie in der Kritik, und es mag nicht jedem eingeleuchtet haben, dass Sie mit der Mission Wiederaufstieg betraut wurden. Haben Sie in dieser Phase bestimmte Menschen und deren Loyalität schätzen gelernt?

Dieses Jahr war sehr intensiv, wir waren die ganze Zeit fokussiert auf den Aufstieg, da blieb wenig Zeit für andere Sachen. Die Planung, die Kern-Arbeit ist in einem sehr kleinen, sehr engen Kreis vorbereitet und geschafft geworden. Natürlich baut man da besondere Beziehungen auf.

Zum Beispiel zu Trainer Markus Babbel.

Das liegt auf der Hand. Wir gehören ja derselben Spielergeneration an, da ist man sich automatisch näher. Der Kontakt zwischen uns ist nie abgerissen, aber so richtig intensiv ist er erst vor zweieinhalb Jahren geworden, als Markus Trainer beim VfB Stuttgart war. Markus war für dieses Aufstiegsjahr eine absolute Schlüsselfigur. Aber mindestens genauso wichtig war es, einen Präsidenten zu haben, der Ruhe in den Verein bringt.

Das müssen Sie jetzt sagen als guter Angestellter.

Nein, das sage ich, weil Sie mich gefragt haben und weil ich weiß, warum wir unsere Arbeit in Ruhe machen können, ohne dabei durch völlig überflüssige Störmanöver beeinträchtigt zu werden.

Können Sie das genauer ausdrücken?

Ich glaube, ich habe mich genau genug ausgedrückt. Sie wissen doch, dass wir im Verein früher ein sehr spezielles Umfeld hatten – und da steht Herr Gegenbauer heute für eine neue Qualität. Es ist kein Zufall, dass die Reihen geschlossen sind und zum Beispiel nichts über unsere Transfers nach außen gedrungen ist.

Es fällt auf, dass Sie viele Spieler von der Ersatzbank des FC Bayern verpflichten. Erst Christian Lell, dann Thomas Kraft, vielleicht noch Andreas Ottl, und Markus Babbel hat ja auch dort gespielt. Wird Hertha durch das gute Verhältnis zwischen ihm und dem Münchner Sportdirektor Christian Nerlinger zur Bayern-Filiale.

Quatsch! Natürlich sind Markus und Christian befreundet, aber bei unseren Transfers war und ist das unerheblich. Lells Vertrag war ausgelaufen, der von Kraft läuft aus, der von Ottl auch – wozu also brauchen wir da einen guten Kontakt zum FC Bayern? Wir sind bei unseren bescheidenen finanziellen Möglichkeiten darauf angewiesen, ablösefreie Spieler zu verpflichten. Aber es geht dabei immer um eine individuelle Entscheidung für einen ganz bestimmten Spieler für eine ganz bestimmte Position. Dass ein paar davon vom FC Bayern kommen ist Zufall.

Thomas Kraft hatten Sie schon auf dem Zettel, als er noch für Bayern II in der Dritten Liga gespielt hat. Haben Sie Louis van Gaal mal verflucht, als er ihn Anfang des Jahres zur Nummer eins gemacht hat? Der Deal hätte dadurch platzen können.

Daran habe ich nie gedacht. Thomas Kraft hatte den Bayern gesagt, dass er verlängern würde, wenn er in der kommenden Saison eine Perspektive auf die Nummer eins sieht. Am Ende haben wir von seinen Leistungen nur profitiert. Erstens hat er gezeigt, was für ein guter Torhüter er ist. Zweitens, dass er gut mit äußerem Druck umgehen kann, gerade das ist in Berlin sehr wichtig...

… und drittens sind Sie der Klub, der den begehrten Torhüter verpflichtet hat.

Das macht uns sehr stolz. Es haben sich ja noch andere Klubs für ihn interessiert, aber wir waren halt zuerst dran und hatten uns sehr intensiv um ihn bemüht. Das hat hoffentlich eine Signalwirkung.

Thomas Kraft hat gerade noch in der Champions League gespielt. Hebt so ein Transfer nicht automatisch den Anspruch an Hertha BSC, weiter oben mitzuspielen?

Ich muss Ihnen doch nicht sagen, wie die finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Klubs sind. In dieser Saison haben drei, vier Klubs, die ins internationale Geschäft wollten, bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg gespielt. Da dürfen doch wir als Aufsteiger nicht von großen Visionen reden. Natürlich habe ich diese Visionen auch für Hertha BSC, aber ich halte es für kontraproduktiv, zu diesem Zeitpunkt darüber zu reden.

Wann wird Hertha BSC wieder interessant für den großen Markt?

Da müssen Sie unterscheiden zwischen unseren grundsätzlichen finanziellen Möglichkeiten, und die sind relativ bescheiden. Auf der anderen Seite sind wir auch wieder interessant für Spieler, von denen man das vielleicht gar nicht denken würde. An Tunay Torun…

… Ihrem Neuzugang aus Hamburg…

… waren auch ganz andere Klubs mit sehr viel mehr Geld dran. Es wird schon seine Gründe haben, warum er zu uns kommt.

Welche denn?

Die gleichen wie bei Thomas Kraft. Markus Babbel und ich, wir haben uns mehrfach mit ihm getroffen, wir haben viele Gespräche geführt und ihm das Gefühl gegeben, dass wir ihn unbedingt wollen. Er sieht eine sportliche Perspektive in Berlin. Er ist das perfekte Beispiel dafür, wie wir unseren Weg gehen wollen. Wir stehen für ehrliche Arbeit mit jungen Spielern, die brennen.

Mainz 05 hat es mit einer jungen hungrigen Mannschaft völlig überraschend in die Europa League geschafft.

Ja, und Mainz 05 wird kommende Saison einen deutlich höheren Personaletat als wir haben. Ich weiß schon, was der Berliner denkt - Mainz 05, wer ist denn das schon? Das ist ein Klub, der super Arbeit macht, der mit dem neuen Stadion noch mal einen Sprung in der Vermarktung machen wird. Wir werden uns dem Wettbewerb stellen, aber wir müssen auch realistisch bleiben. Ich lasse mich gern an realistischen Zielen messen.

Wie lange hat Hertha am Fast-Konkurs vor ein paar Jahren zu knabbern?

Lange.

Können Sie lange genauer definieren?

Wenn nicht, wie sagt man so schön, außerplanmäßige Einnahmequellen erschlossen werden, dann ist lange in der Tat so zu verstehen, wie es dieses kurze Wort ausdrückt.

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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