Michael Preetz im Interview : „Es geht mir zu sehr um den Trainer“

Herthas Manager Michael Preetz spricht im Interview über Transfers, das schlechte Jahr 2014, Coach Jos Luhukay und warum 2015 alles besser wird.

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Michael Preetz, 47, ist mit 93 Toren in 227 Bundesligaspielen der Rekordtorschütze von Hertha BSC. Seit Juni 2009 ist der frühere Stürmer Geschäftsführer Sport und verantwortete die Abstiege 2010 und 2012 sowie die Wiederaufstiege 2011 und 2013.
Michael Preetz, 47, ist mit 93 Toren in 227 Bundesligaspielen der Rekordtorschütze von Hertha BSC. Seit Juni 2009 ist der frühere...Foto: imago

Herr Preetz, wird Hertha aufrüsten und in dieser Wechselperiode noch einen neuen Spieler verpflichten?

Wir beschäftigen uns derzeit mit anderen Fragen und weniger mit der, ob wir jetzt noch jemanden dazu holen. Wir haben jetzt 2014 hinter uns gelassen, nicht zuletzt durch den Jahreswechsel. Wir hatten kein gutes Jahr in 2014, das wissen wir, aber das ist abgehakt und erledigt. Wir sehen viele Aspekte, warum 2015 besser wird.

Welche denn?

Unser Blick ist nach vorn gerichtet. Wir sehen, dass jetzt einige sehr wichtige Spieler, die wir schmerzlich vermisst haben, nach langen Verletzungen zurückgekehrt sind. Wir haben trotz der nicht optimalen Hinrunde 18 Punkte geholt. Das ist nicht nichts, und wir sehen weiterhin großes Potenzial in der Mannschaft. Deshalb freuen wir uns auf den Auftakt in die Rückrunde.

Warum hat die Mannschaft ihre Qualitäten nicht so auf den Platz bringen können?

Das hat viele Gründe, die wir intern auch analysiert haben. Das würde aber hier zu weit führen. Klar ist, wir haben ja im Sommer einiges auf dem Transfermarkt gemacht und damit die personelle Struktur verändert. Das Zusammenfinden und -wachsen braucht Zeit. Ich denke aber, dass die neuen Spieler jetzt einen Schritt gemacht haben, schon allein weil sie jetzt ein halbes Jahr bei uns sind. Richtig ist aber auch, dass bei uns wichtige Spieler verletzungsbedingt ausfielen.

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Für Hertha BSC begann das zweite Bundesliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen. Nicht nur die Fans waren voller Vorfreude, auch die Mannschaft hatte sich viel vorgenommen.
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Tolga Cigerci ist einer dieser Spieler, ein potenzieller Stammspieler, der lange Zeit ausfiel und immer noch nicht im Trainingsbetrieb ist. Kann mit ihm überhaupt seriös geplant werden?

In seinem Fall ist das schwierig zu prognostizieren. Er ist jetzt grundsätzlich mal freigegeben worden von den Ärzten. Er hatte vor wenigen Tagen seine Abschlussuntersuchung in München bei Herrn Müller-Wohlfahrt. Die Verletzung an sich ist ausgeheilt. Jetzt geht es darum, dass er Meter auf dem Platz macht und wir ihn in die körperliche Verfassung bringen, die sein Mitwirken zulässt. An diesem Punkt waren wir schon einmal, da gab es aber kleine Rückschritte, weil er unter Belastung wieder Schmerzen verspürte. Bei Änis Ben-Hatira dagegen wird es schneller gehen. Allerdings mit Blick auf das erste Rückrundenspiel in Bremen ist das fast unmöglich. Aber er wird dann wieder zur Verfügung stehen.

Das Fehlen zentraler Spieler wie Cigerci wird gern als zentraler Grund für die holprige Hinrunde herangezogen. Ein Alibi?

Nein, kein Alibi. Denn es stimmt ja so, dass uns generell viele wichtige Spieler weggebrochen sind. Aber ich möchte Tolga nicht den Mantel umlegen, wonach er jetzt derjenige ist, der all unsere Probleme heilt. Wenn er zurückkommt, dann reden wir über eine lange Ausfallzeit. Auch Tolga wird also Zeit brauchen, dass er wenn er soweit hergestellt ist, auch mitmachen und uns helfen kann.

Zu welchen Erkenntnissen sind Sie in Ihrer Analyse der Hinrunde gekommen?

Wir wissen, dass wir zu viele Gegentore bekommen haben, insofern ist es erste Bürgerpflicht daran zu arbeiten, dass wir eine kompaktere Defensive haben. Da setzen wir auf die Rückkehrer Sebastian Langkamp und Fabian Lustenberger. Wir setzen auch darauf, eine Achse formieren zu können, die wir in der Hinrunde nicht finden konnten. Das ist die Basis. Der zweite Punkt ist, bei Ballbesitz besser Fußball, besser nach vorn zu spielen. Wir sind keine Mannschaft, die anstrebt, wahnsinnig viel Ballbesitz zu haben, sondern eine, die den Gegner stellt und versucht, in die Balleroberung zu kommen. Und dass wir dann versuchen, zügig vor das gegnerische Tor zu kommen. Da haben wir auch gute Phasen in der Hinrunde gehabt, wenngleich zu wenige, aber das wissen wir auch. Und wir haben zu viele Phasen gehabt, wo das nicht funktionierte.

Oft wirkte die Mannschaft verunsichert und spielte dann auch so. Wie schätzen Sie die mentale Verfassung der Mannschaft, ja des Klubs ein?

Ich kann nur sagen, dass wir uns freuen auf die Rückrunde, weil wir alle überzeugt sind, dass 2015 besser wird als 2014.

Hört sich mehr nach einer vagen Hoffnung an, denn nach Überzeugung. Woher nehmen Sie Ihre Überzeugung?

Schauen Sie, wir haben unter nicht gerade optimalen Bedingungen 18 Punkte geholt. Wir wollten mehr, das stimmt. Aber wir sind optimistisch, dass wir mehr Punkte holen in der Rückrunde. Das mit der Überzeugung ist auch immer eine Frage der Betrachtung, wie man an ein solches Thema rangeht. Die halbe Liga steckt im Abstiegskampf, das ist Fakt. Wir gehen positiv an unseren Aufgaben heran, weil wir wissen, was wir zu leisten im Stande sind und dass wir alle wollen.

Teilen Sie die Einschätzung, die aufgekommen war, dass die Mannschaft nicht mehr bedingungslos dem Trainer folgte?

Nein, diese Einschätzung teile ich überhaupt nicht. Es ist vielmehr so, dass wir nicht all das umsetzen konnten, was wir wollten. Das kommt im Fußball schon mal vor, dass auf der anderen Seite Gegner stehen, die auch noch ein paar Ideen haben. Das funktioniert mal besser und mal weniger gut. Wir arbeiten ja intensiv daran, dass wir das, was wir uns für ein Spiel vornehmen, besser umsetzen und durchbringen. Wir haben uns doch auch gewünscht, dass wir uns schneller entwickeln, aber wir sind eben nicht allein in der Liga.

Inwiefern wirken Sie als Manager ein? Als einer, der als ehemaliger Spieler Erfahrungen in den Beinen und im Kopf hat?

Das ist ein ständiger Prozess. Das muss man sich vorstellen als etwas, was permanent geschieht. Mein Austausch mit dem Trainer ist grundsätzlich intensiver als zu den einzelnen Spielern, das ist ja klar. Aber natürlich spreche ich auch mit Spielern.

Es kamen im Sommer viele neue Spieler dazu. Haben Sie die Qualität dieser Spieler falsch eingeschätzt? Oder warum konnten bisher so wenige einschlagen?

So weit will ich nicht gehen, jetzt ein abschließendes Urteil zu fällen. Wir sind von den Qualitäten der Zugänge wie auch von denen der vorhandenen Spieler überzeugt. Und noch einmal: Wir stehen mit 18 Punkten auf dem 13. Platz. Gemessen an unserem Ziel, uns in der Liga etablieren zu wollen, und wo wir jetzt stehen, müssen wir uns nicht grämen. Trotzdem wissen wir, dass wir das besser machen können und auch wollen. Wir wollen aber eins nicht: in die Vergangenheit blicken. Die ist aufgearbeitet und abgehakt. Wir gehen die Dinge jetzt positiv an.

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Für Hertha BSC begann das zweite Bundesliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen. Nicht nur die Fans waren voller Vorfreude, auch die Mannschaft hatte sich viel vorgenommen.
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Inwiefern stützen Sie sich dabei auf die Eindrücke des Trainingslagers?

Ich denke, die Mannschaft hat hier sehr intensiv gearbeitet. Wir haben die Sonne, in Berlin ist es grau und trüb. Das ist ja auch ein Grund, bewusst mal rauszugehen, um ein bisschen was für die Seele, fürs Gemüt zu haben. Die Mannschaft arbeitet hier konzentriert und willig daran, einen guten Auftakt in die Rückrunde hinzubekommen.

Wie erleben Sie den Trainer, der anfangs eine sehr energische Ansprache wählte?

Er macht seine Arbeit gewohnt fokussiert und konzentriert. Wissen Sie, es geht mir zu sehr um den Trainer. Nach meinem Verständnis sind wir alle im Team gefragt, die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Natürlich ist es so, dass wir versuchen müssen, Konstanz reinzubringen. Personell und von der sportlichen Leistung her. Insofern ist auch der Trainer gefragt.

Zumindest einen Neuzugang hat Hertha: Sie haben einen Japaner als Dolmetscher geholt. Was versprechen Sie sich davon?

Wir hatten hier einfach den Eindruck, dass Hajime Hosogai, der ja schon länger in Deutschland spielt, ein hohes Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Landsmann Genki Harraguchi hat, den wir im Sommer geholt haben. Dabei hat er nach unserer Einschätzung ein bisschen Energie liegenlassen. Aber natürlich wollen wir in der Rückrunde den Haji haben, den wir alle aus der Hinrunde der vergangenen Saison kennen. Das ist ja auch ein Aspekt, unser Spiel zu verbessern. Durch das Mitwirken des Dolmetschers nehmen wir ihm etwas ab, sodass er wieder mehr Kapazitäten für sich hat. Und darum geht es schließlich für uns alle, Kapazitäten schaffen für die Aufgabe, die vor uns liegt.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt.

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