Michael Preetz : Jetzt wird bei Hertha im Team gespielt

Michael Preetz will als neuer Sportmanager von Hertha BSC das Image des Vereins dem der Stadt angleichen und verspricht Offenheit und Leidenschaft.

Sven Goldmann

Berlin - Der Reporter vom Radio will wissen, was Michael Preetz an seinem Kollegen Ingo Schiller schätzt. „Na, hoffentlich schätzt er nicht mein Gewicht“, ruft der dicke Schiller. Preetz lacht, Schiller lacht. So viel gemeinsame und öffentlich vorgetragene Fröhlichkeit war selten in der Geschäftsführung von Hertha BSC. Gelacht und gesprochen und entschieden hat hier in den vergangenen Jahren nur einer: Dieter Hoeneß, der letzte Alleinherrscher in der Fußball-Bundesliga. Am Sonntag hat Hoeneß einen Aufhebungsvertrag unterschrieben, vier Tage später wird sein Nachfolger vorgestellt. Das heißt, für drei Wochen sind die beiden eigentlich noch Kollegen. Die Vereinbarung mit Hoeneß sieht vor, dass er offiziell erst zum 30. Juni aus der Geschäftsführung ausscheidet.

Am Donnerstag ist Hoeneß schon auf dem Weg in den Urlaub. Draußen regnet es, drinnen stehen sich die Fotografen auf den Füßen, um Bilder anzufertigen von dem Mann, der als Motiv schon seit 13 Jahren zur Verfügung steht. Michael Preetz war Spieler, Assistent der Geschäftsführung und Leiter der Lizenzspielerabteilung. Jetzt dient er Hertha als Geschäftsführer. Einen wichtigeren Posten hat der Verein nicht zu vergeben.

Preetz ist ein bisschen aufgeregt und liest den größten Teil seiner einführenden Rede vom Manuskript ab. War alles ein bisschen viel in den vergangenen Tagen: am Sonntag die Ablösung von Hoeneß, dessen tränenreicher Abschied am Montag, die offizielle Bestellung zum Geschäftsführer am Mittwochvormittag, abends standen die Gratulanten auf der Ehrentribüne des Olympiastadions Schlange. Das hat Preetz einerseits gefreut, andererseits aber hätte er wahrscheinlich lieber Zerstreuung gefunden beim Konzert von Depeche Mode.

Die Politik gewährt Neulingen im Amt 100 Tage zur Eingewöhnung. Auf Preetz übertragen würde das bedeuten, er könnte die Dinge bis zum fünften Spieltag der neuen Saison treiben lassen. Dabei weiß er, dass schon die eine Stunde seiner offiziellen Vorstellung eine Stunde zu viel ist. In zwei Wochen ist Trainingsauftakt, und die Mannschaft steht erst in Fragmenten. Preetz formuliert brave Sätze wie: „Ich bin Teamplayer.“ Oder: „Mit mir gibt es keinen Alleingang.“ Das mit dem Teamplayer sagt er gleich zweimal, es ist seine Art von Profilschärfung, die Abgrenzung von Dieter Hoeneß, dem man, im Positiven wie im Negativen, so ziemlich alles nachsagen konnte, nur keine ausgeprägte Teamfähigkeit. Auch Preetz hat gelitten im breiten Schatten seines Vorgängers, aber wie es sich für einen artigen Dienstantritt gehört, sagt er nur Nettes über den Vorgänger: „Dieter Hoeneß hat für Hertha BSC in den letzten 13 Jahren einen tollen Job gemacht.“

Rund um Hoeneß kursieren nach dessen Rückzug immer noch interessante Meldungen. Der „Kicker“ kolportiert, Hoeneß habe „in den vergangenen sechs Monaten mehrfach eine Trennung angeboten“. Herthas Präsident Werner Gegenbauer hat das anders in Erinnerung: „Er hat ein paar Mal gesagt: ,Entweder wir machen weiter wie bisher, oder ihr müsst mich rauswerfen.'' Ich glaube, das ist kein Trennungsangebot.“ Das ebenfalls verbreitete Gerücht, Trainer Lucien Favre habe mit einem angedrohten Vereinswechsel schließlich Herthas Trennung von Hoeneß forciert, kommentiert Gegenbauer mit drei Wörtern und einem Ausrufezeichen: „Das ist Quatsch!“ Favre sagt zu den Wechselgerüchten auf der Hertha-Homepage: „Diese Dinge stören mich, weil sie so nicht stimmen.“

Der Trainer hat die jüngsten Turbulenzen von seinem Schweizer Wohnort Saint-Barthélemy aus verfolgt, wenn denn das obligatorische DVD-Studium Zeit dafür ließ - „ich sitze fast rund um die Uhr für Hertha vor dem Fernseher.“ In der kommenden Woche wird Preetz in die Schweiz reisen und Details mit Favre besprechen.

Dass Hertha wie in der vergangenen Saison um die Meisterschaft mitspielen wird, erscheint angesichts der angespannten Finanzlage unwahrscheinlich. „Wir sind alle nicht blauäugig“, sagt Preetz, „aber wir stellen uns der Herausforderung.“ Unter dem neuen Teamplayer in der Geschäftsführung solle Hertha werden, was Berlin schon ist: „jung, leidenschaftlich, offen und direkt“. Und so erfolgreich wie die Herrschaften, denen Michael Preetz am Tag seiner Ernennung lauschte. Depeche Mode spielten am Mittwoch vor einem vollen Olympiastadion.

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