Sport : Michael Preetz wie ein Kellner

Frank Bachner

Herthas Ensemble von Teilzeit-Selbstbewussten scheitert auch in Stuttgart am gestiegenen ErfolgsdruckFrank Bachner

Körpersprache ist verräterisch. Michael Preetz schnappte sich den Ball. Er trug ihn zum Elfmeterpunkt, wie ein Kellner ein Bier serviert. Aber er schnappte ihn sich eine Spur zu zögerlich, er trug ihn nicht mit jener Lässigkeit, die Selbstbewusstsein signalisiert. Einbildung? Mag sein. Vielleicht, weil die Beobachter den Hertha-Torjäger in dieser Sekunde so sehen wollten. Weil sie instinktiv wussten, dass er diesen Strafstoß vergeben würde gegen Franz Wohlfahrt, den Torhüter des VfB Stuttgart. Dann schoss Preetz, und er schoss genau auf Wohlfahrt.

Na bitte. "Ich habe den Ball nicht richtig getroffen", sagte Preetz. Das passt ideal ins Bild vom leicht verunsicherten Schützen. Dummerweise passt das auch ins Bild der gesamten Mannschaft von Hertha BSC am Sonnabend im Stuttgarter Gottfried-Daimler-Stadion. Ein Ensemble von Teilzeit-Selbstbewussten. Deshalb rechnete man auch mit dem Preetzschen Fehlschuss. Und dann die vielen Fehler. Preetz schoss bei 4:2-Überzahlspiel, statt abzugeben, Konstantinidis zögerte so lange, bis ihm am eigenen Strafraum der Ball abgenommen wurde. Mehrfach konnte er sich nur mit Fouls behelfen und stand kurz vor der Roten Karte. Hartmann gewann kaum einen Zweikampf, Schmidt zögerte bei einer Flanke so lange, bis er den Ball verloren hatte, Rehmer legte sich bei einem Vorstoß den Ball so weit vor, dass Thiam nur stehen bleiben musste, um das Leder abzublocken. Und Alves? Der gewann so gut wie keinen Zweikampf, vergab eine Riesenchance und scheitert unter dem Druck, sein technisches Können zeigen zu wollen.

Am Ende hatte Hertha 0:1 verloren, gegen eine grottenschlechte Mannschaft. Aber Stuttgart ist jetzt Achter, ein Rang besser als Hertha. "Die haben bessere Karten im Kampf um einen Europokalplatz als wir", knurrte Preetz, "weil sie solche Spiele gewinnen." Bingo. Warum zweifeln nun immer mehr, dass Hertha in der nächsten Saison international spielt? Warum denkt man immer stärker an den sportlichen GAU? Kein Europacup-Platz? Weil das Team solche Spiele nicht gewinnt. Nicht gegen Duisburg, nicht gegen Prag in Berlin, nicht gegen Stuttgart.

Mit rustikalem Kampfgeist hatte Hertha noch Unterhaching besiegt. Der Kampfgeist ist noch das größte Plus der Berliner. Aber den können sie nicht mehr unbegrenzt abrufen. Und spielerisch wird die Mannschaft erheblich überschätzt. Die Champions-League-Teilnahme erweckt Begehrlichkeiten, die dieses Team nicht erfüllen kann. Die Mannschaft bewältigt die Doppelbelastung nicht, und sie bewältigt insgesamt den gestiegenen Erfolgsdruck nicht. Die Champions League ist abgehakt, Leistungsträger wurden geschont, dennoch präsentieren sich die Hertha-Spieler oft genug als Zauderer und Zögerer, die über Fehler nachdenken, anstatt sie schnell abzuhaken.

Und die Zugänge verbessern die Spielkultur und die Leistungskraft der Mannschaft nicht wie gewünscht. Konstantinidis ist ein rustikaler Abräumer, der durch Ausraster Hertha Punkte gekostet hat. Michalke zeigt Ansätze, ist aber noch längst nicht vollendet. Rehmer war lange verletzt, Deisler, ohnehin mehr im Krankenstand als auf dem Platz, ist nicht mehr als ein hochtalentierter Profi. Wer ihn in die Rolle des Superstars schreibt, überfordert ihn. Ali Daei bleibt vieles schuldig und Alves, siehe oben. Zudem fehlt ein klassischer Spielmacher. Wosz ist keiner, und die anderen Teilzeit-Regisseure Michalke, Roy und Deisler füllten die Rolle mangelhaft aus. Der Einzige, der zuletzt den Ideengeber gut gespielt hat, Pal Dardai, war monatelang im Krankenstand und muss erst wieder zu sich finden.

"Es ist ärgerlich", knurrte Jürgen Röber, "dass wir so ein Spiel verlieren." Es wird, ist zu befürchten, nicht das letzte Mal in dieser verkorksten Saison sein.

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