Michael Schrader : Vizekönig der Athleten

Michael Schrader gewinnt Silber in Moskau. Es ist die erste deutsche WM-Medaille im Zehnkampf seit 16 Jahren.

Reinhard Sogl
Das Lächeln eines Belohnten. Michael Schrader war von vielen Verletzungen zurückgeworfen worden, jetzt hat er sein Talent zur Medaille veredelt. Foto: dpa
Das Lächeln eines Belohnten. Michael Schrader war von vielen Verletzungen zurückgeworfen worden, jetzt hat er sein Talent zur...Foto: dpa

Völlig ausgepumpt und lang ausgestreckt lag Michael Schrader auf der blauen Bahn, als Rico Freimuth dem nun besten deutschen Zehnkämpfer als Erster auf die Schulter klopfte. Gut gemacht, Wohnungsgenosse, sollte das heißen, jetzt haben wir eine Silbermedaille für unsere WG. Seit vergangenem Herbst teilt Freimuth mit Schrader die Wohnung und Trainer Wolfgang Kühne, der Umzug aus dem Ruhrgebiet nach Halle hat sich für den gebürtigen Duisburger gelohnt. Schrader wurde mit neuer persönlicher Bestleistung von 8670 Punkten Vize-Weltmeister hinter Weltrekordler Ashton Eaton (8809) aus den USA. Der Kanadier Damian Warner wurde Dritter (8512), Freimuth Siebter (8382).

„Ich bin unglaublich glücklich über meine Silbermedaille. Wer hätte nach all diesen Verletzungen gedacht, dass ich hier einen so guten Wettkampf zeigen würde?“, sagte der 26-Jährige, der vier Jahre lang von Verletzungen geplagt worden war. „Ich habe immer geglaubt, dass eine persönliche Bestleistung möglich ist, aber im Traum nicht daran gedacht, dass dieser Zehnkampf auf einem so hohen Niveau enden würde.“ Als erster deutscher Zehnkämpfer seit Frank Busemann vor 16 Jahren gewann er eine WM-Medaille.

Pascal Behrenbruch hatte also Recht behalten mit seiner Prognose, dass ein Deutscher eine Medaille gewinnen werde. Allerdings hatte der Europameister und Jahresweltbeste von der LG Eintracht Frankfurt gehofft, dass er selbst das Edelmetall erhalten würde. Ähnlich wie vor einem Jahr bei Olympia, als er abgeschlagen Zehnter geworden war, hatte er mit dem Medaillenkampf aber nichts zu tun. 8316 Punkte reichten nur für Rang elf. „Der zweite Tag ist komplett in die Hose gegangen, ich habe mich körperlich total schlapp gefühlt“, sagte Behrenbruch.

Trey Hardee, der Weltmeister der Jahre 2009 und 2011, war nach drei ungültigen Versuchen im Hochsprung ausgeschieden. Rico Freimuth hatte lange auf Bronzekurs gelegen, doch dann kostete ihn der Speerwurf die Medaille. „Leider habe ich nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen“, sagte der Olympia-Sechste, den die Leistung seines Freundes nicht überraschte. „Ich wusste, was Michael drauf hat“, sagte Freimuth.

Schrader hatte erstmals im Jahr 2009 für Furore gesorgt, als er in Götzis mit 8522 Punkten die gesamte Weltelite besiegte. Danach aber war er wegen Ermüdungsbrüchen im rechten Fuß praktisch zwei Jahre außer Gefecht. Bei Comeback-Versuchen wurde er immer wieder von Wadenkrämpfen gestoppt. Im vergangenen Mai meldete er sich endlich genesen zurück, als er in Ulm bei Regen und nur fünf Grad 8427 Punkte sammelte.

Schrader war mit „zittrigen und weichen Knien“ zum Start über 100 Meter angetreten. Verständlich nach dem ersten Start bei einer internationalen Meisterschaft seit Olympia 2008. Mit 10,73 Sekunden begann er ganz gut. Er ließ im Weitsprung mit 7,85 Metern die größte Weite aller Teilnehmer folgen, stieß die Kugel auf für seine Verhältnisse gute 14,56 Meter und stellte im Hochsprung mit 1,99 Metern die erste von vier Bestleistungen auf. Vier Sprünge mussten reichen, „sonst hätte ich mein Knie komplett zerstört.“ Trotz schmerzender Patellasehne lief er die 400 Meter schneller als jemals zuvor: Nach 47,66 Sekunden verabschiedete er sich als Dritter in die Nacht.

Am Sonntag wurde es mit der erhofften Bestleistung über 110 Meter Hürden (14,29 Sekunden) zwar nichts, stattdessen schleuderte er den Diskus (46,44 Meter) und den Speer (65,67) so weit wie nie. „Ich will zeigen, was ich kann und gesund durchkommen. Dann kann es nicht so schlecht werden“, sagte Schrader zur Halbzeit. Aus nicht so schlecht wurde sogar Weltklasse.

0 Kommentare

Neuester Kommentar