Michael Schumacher : Mann mit Haifischzahn

Vettel verlängert vorzeitig, sein früherer Held Schumacher schweigt zu seinem Nacken, während Badoer sich an den F 60 gewöhnt. Heidfeld hingegen zittert und witzelt. Ist es Realität, ist es ein Film? Nun, irgendwie von beidem ein bisschen: Es ist die Formel 1.

Christian Hönicke[Valencia]
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Der Mann mit der Science-Fiction-Sonnenbrille. Michael Schumacher versteckt seine Augen und sagt nichts. -Foto: dpa

Ist es Realität, ist es ein Film? Eine silbergraue Limousine rollt fast lautlos durch das Fahrerlager der Formel 1 in Valencia. Die gleißende Sonne taucht die Szenerie am Hafenkai in ein surreales Licht, in der die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu verschwimmen scheinen.

Der Wagen passiert die BMW-Sauber-Teamzentrale, vor der eine Mitarbeiterin steht und ihre Arbeitsstelle fotografiert. Es sind letzte Erinnerungen an einen dem Abriss geweihten Palast: Vor einem Monat hat BMW seinen Ausstieg aus der Formel 1 bekannt gegeben. Drinnen sitzt der Pilot Nick Heidfeld. Es werde zwar alles versucht, die Zukunft des Teams ohne BMW zu sichern, sagt er, aber darauf will er sich nicht verlassen. „Ich verhandle mit mehreren Teams, weil kein Mensch weiß, wie es hier weitergeht.“ Dann startet er sein Galgenhumor-Comedyprogramm: „Der Michael kommt ja auch noch – ich glaub, der hat genug beiseite gelegt, um das Team zu übernehmen.“

Es flackert, offenbar ein kleiner Zeitsprung. Es ist Freitagmorgen, ein Mann mit deutlich muskulöser gewordenen Oberarmen – vermutlich eben jener mysteriöse „Michael“ –, erreicht in Bermudashorts die Strecke. Es ist der Mann, der einen Traum innerhalb von zwei Wochen erschaffen und wieder zermalmt hat.

Die traurigen Augen hat er hinter einer verspiegelten Science-Fiction-Sonnenbrille versteckt, in seiner Hand hält er eine Aktentasche aus Krokodilleder mit unbekanntem Inhalt, seine Haizahnkette baumelt um den schmerzenden Nacken, der ihn verraten hat. Psychedelische Musik setzt ein. „Michael ist eine echte Legende, und es wäre ein Privileg für uns alle gewesen, gegen ihn zu fahren“, sagt der Weltmeister Lewis Hamilton.

Harter Schnitt, die Musik bricht ab, nächster kleiner Scherz von Nick Heidfeld: „Ich muss nicht unbedingt mehr gegen ihn fahren, ich hatte schon genügend direkte Kontakte mit ihm auf der Strecke.“ Es wird wieder ernster, die nächste Sequenz zeigt den WM-Dritten Sebastian Vettel, untermalt von peitschenden Klängen. „Es ist mir eigentlich egal, ob er fährt oder nicht“, sagt er über den Mann, dessen Poster einst sein Kinderzimmer schmückte. „Ich finde es eher traurig, dass die Formel 1 so eine Nachricht braucht. Das ist doch seltsam, wo wir so tolle Rennen und ein so enges Feld haben wie seit Jahren nicht mehr.“ Als hätte dieser Monolog nicht genug Wucht, enttäuscht Vettel kurz darauf die Hoffnung all jener, die ihn am liebsten sofort als Thronfolger des Mannes mit dem Haifischzahn bei Ferrari sehen würden, und verlängert seinen Vertrag bei Red Bull vorzeitig bis 2011 mit einer Option für 2012.

Die Limousine hat inzwischen einen grüngrauen Lkw-Container erreicht. Der Big Boss steigt aus und schaut mit prüfenden Augen auf sein Reich. Alles wie immer, nichts ist in Ordnung. Dann verschwindet Bernie Ecclestone in seiner Schaltzentrale.

Im Betongebäude dahinter sitzt eine Art Erscheinung, ein Mann, der eigentlich gar nicht dort sitzen sollte, und lächelt verlegen. Er heißt Luca Badoer und wird den Ferrari des verunfallten Felipe Massa fahren, den eigentlich der Mann mit den Shorts übernehmen wollte.

Zeitsprung zehn Jahre zurück. Badoer bleibt auch bei seiner 51. Grand-Prix- Teilnahme ohne WM-Punkt. Schneller Vorlauf zurück ins Jahr 2009. Badoer spricht über das bevorstehende 52. Formel-1-Rennwochenende seiner Karriere. „Natürlich war das eine lange Pause, ich muss mich erstmal wieder an ein Formel-1-Auto gewöhnen“, gibt der Italiener zu, der jahrelang nur Testfahrer war. Dabei helfen soll ihm der Mann mit den muskulösen Armen, obwohl der den Ferrari F60 selbst noch nie gefahren hat.

Neben Badoer sitzt noch jemand, dessen Anwesenheit nur durch Zauberei zu erklären ist. Fernando Alonso hat es den magischen Kräften des Weltverbands Fia zu verdanken, dass er bei seinem Heimrennen antreten darf. Er verbannte sein Team Renault erst wegen der schlampigen Montage eines Reifens beim Rennen in Ungarn, um dann den Fluch – vermutlich mit dem spanischen Zauberwort für Ticketverkauf – wieder aufzuheben.

Blitze, wirre Sprünge durch Zeit und Raum, vor und zurück, die Musik driftet in eine schmerzvolle Kakofonie ab. Der Mann mit den muskulösen Oberarmen schreitet unter ihrem polternden Takt auf den Ferrari-Kommandostand zu. Er sagt nichts, es ist ja alles gesagt worden vor ein paar Tagen, als er die Niederlage gegen seinen eigenen Körper eingestehen musste. Erst als er die Funkkopfhörer aufgesetzt hat, öffnet sich sein Mund. Unterstützt von seinen Ratschlägen fährt der 38 Jahre alte Badoer dem Trainingsschnellsten Alonso mit fast drei Sekunden Abstand hinterher. Badoer steigt aus und greift sofort zum Handy. Wen er anruft und was gesagt wird, wird nicht aufgelöst.

Letzte Szene: Die Sonne steht tief, es wird melancholisch. Der Mann mit der Spiegelsonnenbrille betritt das rote Stahlgebäude seines Teams, die Automatiktür schließt sich hinter ihm und lässt die Zuschauer mit den Spekulationen um seine Zukunft und seine weitere Arbeit an einem Comeback allein. Ein letzter Sonnenstrahl fällt auf den Nacken, der so stark aussieht und doch so verwundbar ist.

Ist es Realität, ist es ein Film? Nun, irgendwie von beidem ein bisschen: Es ist die Formel 1.

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