Michael Tarnat : Die Welt als Kugel

Michael Tarnat von Hannover 96 erzählt, warum er mit 39 Jahren immer noch nicht mit dem Fußballspielen aufgehört hat. Und wie man als ältester Feldspieler der Bundesliga spielen muss.

Tarnat
Michael Tarnat -Foto: dpa

Herr Tarnat, erinnern Sie sich noch an die Europameisterschaft 2000?



Da war ich doch gar nicht dabei. Aber ich weiß, dass wir da in der Vorrunde ausgeschieden sind.

Wissen Sie auch noch, was Sie damals über Lothar Matthäus gedacht haben?

Ja. Wie kann man mit 39 noch Fußball spielen? Ich habe ihm gesagt: Lothar, Respekt, dass du das noch machst, aber du bist verrückt. Warum tust du dir das an?

Was hat Matthäus geantwortet?

Es geht nicht anders. Und du wirst auch noch merken: Es gibt einfach nichts Schöneres. Ich konnte mir das damals nicht vorstellen. Aber er hat recht gehabt.

Sie sind jetzt ebenfalls 39. Was ist denn das Schöne?

Raus zu gehen auf den Platz und sich mit den jungen Spielern zu messen. Da hole ich mir die Anerkennung, dass ich noch mithalten kann und ein wichtiger Spieler für die Mannschaft bin. Als ich im Jahr 2004 von Manchester City nach Hannover gekommen bin, wollte ich noch zwei Jahre spielen und dann meine Karriere beenden. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich immer noch Spaß an der Sache habe.

Wie viel Egoismus ist dabei?

Es ist ja nicht so, dass ich zum Verein gehe und sage: Ich möchte jetzt weiterspielen. Bisher kam immer der Verein.

Wie sieht es aktuell aus?

Ich überlege noch. Hinter mir liegt eine schwere Verletzung, durch die ich zehn Monate keinen Fußball spielen konnte. Das war eine harte Zeit. Meine Frau hat gesagt, dass ich kaum auszuhalten war. Ich muss jetzt gucken, wie ich alles verkrafte, ob es noch Sinn macht.

Ist das Nichtaufhören auch eine Flucht vor dem richtigen Leben?

Ich weiß, was Sie meinen: Die Fußballer leben in einer eigenen Welt, einer Art Kugel. Vielleicht hätte ich Angst vor der Zeit danach, wenn ich nichts Neues hätte. Aber ich weiß ja, dass ich beim FC Bayern als Scout in der Nachwuchsabteilung anfangen kann.

Sie müssen einen bleibenden Eindruck bei Uli Hoeneß hinterlassen haben, dass er Ihnen den Job immer noch frei hält.

Wenn ich jetzt schon seit Jahren meine Verträge verlängere, stimme ich mich mit dem Uli ab. Der sagt immer: Mach so lange, wie du willst und kannst. Und wenn du aufhörst, kommst du zu uns.

Haben Sie es bereut, nach Manchester gegangen zu sein?

Überhaupt nicht. Bayern ist das Nonplusultra, da wollte ich eigentlich meine Karriere beenden, aber das schaffen nur die wenigsten. Ich bin froh, dass ich noch nach England gegangen bin, und wenn ich gewusst hätte, dass es da so toll ist, hätte ich es wahrscheinlich noch viel früher gemacht.

Wie meinen Sie das?

Die Leute haben viel mehr Respekt vor dir. In Deutschland passiert es schon mal, dass dir ein paar Halbstarke über den Weg laufen und dich anraunzen: Ey, Tarnat, du alter Sack, du kannst nichts! Das wird man in England nie erleben. In Deutschland hat sich das sehr geändert. Früher in Hilden hat Rudi Bommer bei uns um die Ecke gewohnt. Wenn der mir auf der Straße entgegenkam, habe ich die Straßenseite gewechselt.

Genießen Sie Privilegien?

Wahrscheinlich hätte ich die. Aber ich bin noch nie zum Trainer gegangen und habe gesagt: Ich bin müde, ich möchte heute nicht trainieren. Aber mit 39 musst du nach dem Training nicht mehr die Bälle einsammeln. In Duisburg haben sich Leute wie Lothar Woelk, Michael Thönnies und Ewald Lienen einen Spaß daraus gemacht und die Bälle quer durch die Gegend geschossen. Dann haben sie zu den Jungen gesagt: Holt mal!

Und das haben Sie gemacht?

Natürlich, da hat sich keiner getraut zu sagen: Holt die doch selber! Heute treten die jungen Leute viel selbstbewusster auf und geben auch mal Widerworte. Das hätte es früher nicht gegeben. Vielleicht ist das heute sogar besser. Ich kann mich erinnern, dass ich mal als 20-Jähriger auf der Massagebank lag und massiert wurde, dann kam Lothar Woelk und hat mich mehr oder weniger von der Bank geschmissen. Hier hast du in deinem Alter nichts zu suchen, hat er gesagt. Heute ist das ganz normal, dass auch ein 20-Jähriger massiert wird.

Wie gleichen Sie Ihre altersbedingten Defizite aus?

Natürlich spielt man mit 39 anders als mit 22, intelligenter. Ich habe nicht mehr die Physis, um wie Philipp Lahm 90 Minuten lang die Linie rauf und runter zu rennen. Ich gehe jetzt die Wege, die sich lohnen.

Dafür, dass Sie es als Jugendlicher nur bis in die Kreisauswahl Düsseldorf geschafft haben, sind Sie weit gekommen.

Es gehört auch viel Glück dazu. Bayer Leverkusen hat meinetwegen mal einen Scout zu einem Pokalspiel von uns nach Hilden geschickt. Der hat dann jemanden gefragt: Wer ist der Tarnat? Und dann ist ihm ein falscher Spieler gezeigt worden, der nicht so toll gespielt hat. So hat sich das mit Leverkusen zerschlagen. Als ich mit 19 immer noch in der Bezirksliga gespielt habe, habe ich gedacht: Den Traum, Fußballprofi zu werden, kannst du ad acta legen. Es ist untypisch, dann noch entdeckt zu werden.

Was wären Sie stattdessen geworden?

Ich habe eine Lehre als Elektroinstallateur angefangen, aber ich habe zwei linke Hände. Mein Meister hat immer zu mir gesagt: Mach nicht so viel, und pass auf, dass du dich nicht verletzt! Du musst ja am Wochenende spielen. Ich stand eigentlich immer mit den Händen in der Hosentasche hinter der Leiter und habe aufgepasst, dass die Leiter nicht umfällt. Für mich gab es nur Fußball. Eine Lehrerin hat mal zu mir gesagt: Mensch, Tarnat, du wirst eh nichts. Doch, habe ich geantwortet, ich werde Fußballprofi. Gott sei Dank hab ich es geschafft, sonst wäre es sehr eng geworden.

Befürchten Sie nicht, dass man Sie nur in Erinnerung behält als den, der noch mit 39 gespielt hat?

Das ist doch schön. Schämen müsste ich mich nur, wenn später alle sagen: Das ist der, der bis 39 gespielt hat, aber mit 35 hätte er besser aufgehört. Ich habe auch kein Problem, wenn mich in einem halben Jahr niemand mehr erkennt. Mein Ziel war nie, dass ich einen Haufen Kohle verdiene und die Leute sagen: Ah, guck mal, da ist der Michael Tarnat, toll.

Wie soll man Sie in Erinnerung behalten?

Ich habe gezeigt, dass man auch in hohem Alter seine Leistung bringen kann, wenn man eine gewisse Einstellung zu seinem Beruf hat. Das ist mir wichtig.

Weiß Ihr Sohn, dass Sie ein alter Fußballer sind?

Er weiß, dass ich 39 bin. Aber er hält mich nicht für einen alten Sack. Er sagt: Papa, du kannst noch ein, zwei Jahre spielen. Für ihn wäre es das Schlimmste, wenn ich aufhören müsste. Er genießt es, wenn sein Vater gegen Ribéry spielt. Neulich haben wir zusammen ein Spiel vom FC Barcelona gesehen, da hat mein Sohn gesagt: Papa, der Messi käme immer über deine Seite – na dann: olé!

Was, wenn Ihr Sohn Profi werden will?

Schwer zu sagen. Als ich noch bei den Bayern gespielt habe, war er fast immer dabei. Er war damals unser Maskottchen und wurde überall rumgereicht. Sein größtes Ziel ist es, mal mit Ribéry in einer Mannschaft zu spielen. Wenn er Profi werden will, würde ich ihn natürlich unterstützen. Aber ich wäre auch froh, wenn er etwas anderes täte. Ich habe eben viel mitgekriegt, was im Fußball läuft. Davor möchte ich ihn eigentlich schützen.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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