Sport : Millionenpublikum zur Geisterstunde

Deutschlands Eiskunstläufer haben in Dortmund Erstaunliches erreicht – doch lässt sich das auch entsprechend vermarkten?

Frank Bachner

Dortmund. Werner Köster hatte jahrelang Franziska van Almsick gemanagt, der Mann kennt sich also aus in der Sportvermarktung. Da traf es sich gut, dass Köster bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Dortmund durch die Gänge schlenderte. Sein Fachwissen war plötzlich gefragt. Ist einer wie Stefan Lindemann gut zu vermarkten? Und wenn ja, wie? Köster, leicht prosaisch: „Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen. Aber man hat eines klar gesehen: Wenn ein Deutscher kämpferisch überzeugend auftritt und Erfolg hat, kann er mit einer Geschichte eine ganze Sportart wachküssen.“

Stefan Lindemann hatte sensationell Bronze gewonnen. Ein Blitzlichtgewitter leuchtete ihn aus, Mikrofone wurden ihm unter die Nase gehalten, Journalisten deckten ihn mit Fragen ein. Der Kurzzeit-Hype wirkt natürlich ziemlich schräg, wenn man sich daran erinnert, dass die deutschen Biathleten bei der WM in Oberhof sieben Medaillen gewannen, darunter zweimal Gold. Andererseits geht es hier ja um die gefühlte Temperatur. Bronze für Lindemann, Bronze auch für die Eistänzer Winkler/Lohse – die beste deutsche Bilanz seit 20 Jahren hat auch deswegen diesen Stellenwert, weil wohl niemand damit gerechnet hatte. Und weil das Ganze in Dortmund, in Deutschland also, stattfand. „Es kursierte die Meinung, dass Eiskunstlauf in Deutschland nicht zu pushen ist, wir haben das Gegenteil bewiesen“, verkündete Reinhard Mirmseker, der Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU).

Nüchtern betrachtet heben die zwei Bronzemedaillen die deutsche Eiskunstlauf-Szene nicht aus den Angeln. Durch die beiden dritten Plätze bekommt die DEU jetzt bei der WM 2005 in Moskau jeweils einen zweiten Startplatz bei den Herren und im Eistanz. „Finanziell bringen der DEU diese Erfolge keine Vorteile“, sagt DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf. Die öffentlichen Fördergelder sind bis 2006 fest vergeben.

Aber hier es geht es nicht allein um Zahlen. Hier geht es ums Image, um Gefühle. Rudi Cerne sagt zum Beispiel: „Lindemann ist ein Vorbote der Sportart.“ Cerne war selber mal Eiskunstläufer, jetzt moderiert er fürs ZDF. Und das Fernsehen ist die entscheidende Größe. Mehr Fernsehpräsenz bedeutet größeres Sponsoreninteresse und damit größere Chancen für Sportler und Verband auf Fernseh- und Werbeverträge. „Natürlich wird man Eiskunstlaufen jetzt anders behandeln, wenn einer EM-Dritter wird“, sagte Cerne nach Lindemanns Erfolg.

Vor der Kür, als Lindemann Dritter war, haben sie beim ZDF sogar überlegt, ob sie nach dem „heute-journal“ live zur Kür schalten sollen. Der Plan wurde abgelehnt, aber immerhin, es gab ihn. „Wenn wir früher mit so etwas gekommen wären, hätten die anderen doch gefragt: Habt ihr Fieber?“, sagt Cerne. Und ARD-Kommentator Daniel Weiss, auch ein ehemaliger Eiskunstläufer, verkündete stolz, dass bei einer ARD-Übertragung mehr als eine Million Zuschauer dabei waren, obwohl die Sendung erst weit nach Mitternacht begann.

Das Interesse ist also da, fraglich ist, ob die höheren Erwartungen erfüllt werden. Lindemann wird jetzt von den Preisrichtern auf jeden Fall mehr respektiert als früher. „Und wir haben Paare, die nach oben drängen“, sagt Udo Dönsdorf. Mikkeline Kierkgaard/Norman Jeschke und Robin Szolkowy/Aljona Sawtschenko meint der DEU-Sportdirektor damit. Zwei viel versprechende Duos, die für Dortmund noch nicht startberechtigt waren. Die Dänin Kierkgaard und die Ukrainerin Sawtschenko haben noch keine Freigabe ihrer Verbände. Aber bei der Europameisterschaft und Weltmeisterschaft 2005 dürften sie auf dem Eis stehen. Vor allem von Szolkowy/Sawtschenko erhofft sich DEU-Chef Mirmseker viel. Für die DEU sei die frühere Junioren-Weltmeisterin Sawtschenko „ein Glücksfall“.

Sogar Annette Dytrt gilt jetzt als Perspektivkader. Werner Köster kann sich gut vorstellen, die Deutsche Meisterin unter Vertrag zu nehmen. Dytrt landete in Dortmund auf dem 21. Platz.

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