Sport : Ming-Vasen auf der Durchreise

Leverkusen hofft, dass das 1 : 7 in Barcelona nicht in den Köpfen hängen bleibt.

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Nicht zu fassen. Leverkusens Spieler wie Bernd Leno konnten nur staunen, was der FC Barcelona und Lionel Messi mit ihnen anstellten. Der Argentinier traf insgesamt fünf Mal. Foto: Reuters
Nicht zu fassen. Leverkusens Spieler wie Bernd Leno konnten nur staunen, was der FC Barcelona und Lionel Messi mit ihnen...Foto: REUTERS

Immer wieder hielten die Zuschauer im Stadion Camp Nou freudig ihre abgespreizten Finger in die Kameras. Erst einen, dann zwei, dann drei, dann vier. Es dauerte beim Champions-League-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Bayer Leverkusen aber bis sechs Minuten vor dem Ende, ehe sie mit der ganzen Hand grüßen konnten. Barças Fans feierten „la primera manita“, „das erste Händchen“ ihres Lieblings Lionel Messi, der gerade Champions-League-Geschichte geschrieben hatte. Fünf Tore gelangen dem Argentinier gegen Leverkusen im Achtelfinal- Rückspiel, so oft hatte in diesem Wettbewerb noch keiner in einem Spiel getroffen.

Messi war von den Leverkusenern nie zu stellen, seine Tore vereinten Kunst, Wucht und Schlichtheit. Zweimal lupfte er den Ball aus vollem Lauf über Torhüter Bernd Leno, zweimal drosch er ihn mehr, als dass er ihn schoss. Einmal sogar mit der Picke. Und als es sein musste, war Messi auch als Abstauber zur Stelle.

Nach dem Spiel schnappte sich Messi als Erinnerung an diesen historischen Abend einen der Spielbälle. Bayers Spieler hingegen wollten die Ereignisse dieser Nacht am liebsten so schnell wie möglich vergessen. Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser riet auf dem mitternächtlichen Bankett: „Wir sollten ein Glas Wein trinken und wieder lachen.“ Auch wenn ihm diese Worte sichtlich schwerfielen. Bei allen Beteiligten von Bayer 04 stand die Erkenntnis, dass man sich in fußballerische Dimensionen hineinbegeben musste, in denen man nichts zu suchen hatte. „Barcelona ist die beste Mannschaft der Welt. Mit Lionel Messi sind sie in einer anderen Galaxie unterwegs“, sagte Trainer Robin Dutt. Der deutsche Vizemeister wurde vom spanischen Titelverteidiger vorgeführt. Die Mannschaft von Robin Dutt hatte mit Blick auf beide Spiele selbst dazu beigetragen, dass sie derart chancenlos war.

Schon vor dem Hinspiel hatten Dutt und seine Spieler den Eindruck vermittelt, als würden sie aus dem Staunen über die namhaften Gegenspieler nicht herauskommen und auf dem Spielfeld in Ehrfurcht erstarren. In der zweiten Hälfte des Rückspiels gingen die Leverkusener beinahe körperlos zu Werke und ließen jegliche Zweikampfhärte vermissen, als würden sie teure Ming-Vasen auf ihrer Reise begleiten und um deren Unversehrtheit besorgt sein. Eine Niederlage hätten sie auch auf diese Weise wohl nicht verhindert, aber zumindest das Debakel.

Die junge Leverkusener Mannschaft suchte während des Spiels nach einer Führungsfigur. Und als sie weder auf noch neben dem Feld fündig wurde, ergab sie sich in ihr Schicksal und ließ sich vorführen. „Aus solchen Dingen können wir lernen. Wir müssen das abhaken“, sagte Sportdirektor Rudi Völler. Durch dieses Spiel dürfte sich auch die Kritik an Robin Dutt erneuern. Der Trainer beeilte sich aber, ungefragt mitzuteilen, dass diese Niederlage keinerlei Auswirkungen auf die restliche Bundesligasaison haben werde. Und der Trainer hatte auch gleich seine ganz eigene, ungewöhnliche Begründung parat. „Die Mannschaft ist absolut gefestigt. Wir haben die Champions League und die Bundesliga immer unabhängig voneinander betrachtet und auch so gearbeitet“, sagte er.

Auch die wenigen Spieler, die nicht wortlos das Stadion verlassen hatten, scheinen keine nachhaltigen Folgen zu befürchten. „Wir spielen ja nicht mehr gegen Mannschaften mit der Qualität von Barcelona. Das kann man nicht mit Spielen in der Bundesliga vergleichen“, sagte Kapitän Simon Rolfes stellvertretend für seine Kollegen. Wolfgang Holzhäuser hatte das wenige Minuten nach der Partie noch ganz anders gesehen. „Es wird nicht so leicht, das aus den Köpfen herauszubekommen“, sagte er. Am Samstag, beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg, wird sich zeigen, wer Recht behält.

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