Miroslav Klose : Nach der Krise ist vor der Krise

Miroslav Klose hat 2008 erst drei Bundesligatore geschossen, sein Stammplatz ist dennoch nie in Gefahr. In München hat man bereits Routine im Umgang mit dem Problemkind.

Stefan Hermanns[München]
Klose
Es geht doch. Miroslav Klose feiert seinen Elfmeter gegen Hertha. -Foto: ddp

Im entscheidenden Moment verließ Miroslav Klose wieder einmal der Killerinstinkt, der einen echten Torjäger mehr als alles andere auszeichnet. Klose stand frei vor dem Tor, er hatte den Ball und musste nur noch vollstrecken. Stattdessen suchte er den besser postierten Nebenmann. Es gab Elfmeter für den FC Bayern München, Miroslav Klose nahm den Ball in die Hand – und warf ihn weiter zu Bastian Schweinsteiger. „Ich war ja nicht vorgesehen“, sagte Klose. Zum Glück entdeckte Schweinsteiger gerade noch rechtzeitig sein Herz für erfolglose Stürmer, nach kurzer Beratung mit Luca Toni flog der Ball auf selbem Wege wieder zurück. Klose durfte schießen, er schoss und traf zum 4:0 für die Bayern. Es war sein erstes Bundesligator seit dem 1. März, das dritte überhaupt im Jahr 2008.

Manchmal steht Miroslav Klose sich selbst im Weg. Zwei riesige Chancen hatte er beim 4:1-Sieg gegen Hertha BSC vergeben, innerhalb von fünf Minuten war er erst an Torhüter Drobny gescheitert, dann am Innenpfosten, und als sich ihm wieder nur zehn Minuten später die Gelegenheit zum Elfmeter bot, flüchtete er sich in Formalitäten: Ich war ja nicht vorgesehen!

Manchmal möchte man Klose packen, ihn durchrütteln und ihm zurufen: Nicht immer nur nach unten gucken oder zur Seite, wo noch ein Kollege stehen könnte, sondern auch mal nach vorne! Nach dem Spiel wurde Klose allen Ernstes gefragt, ob er denn überlegt habe, den Ball noch einmal zu Schweinsteiger und Toni zurückzuwerfen. Zuzutrauen wäre es ihm. „Das ist schon ein großes Zeichen, dass die beiden mir den Ball zurückgeben“, sagte Klose. Das Publikum feierte den selbstlosen Akt Schweinsteigers mit lautem Jubel. Je größer Kloses Krise, desto stärker wächst das allgemeine Mitleid mit ihm. Inzwischen besitzen alle Beteiligten eine gewisse Übung in dieser Angelegenheit. Die Phasen der Erfolglosigkeit treten bei Klose zyklisch auf. Nach der Krise ist vor der Krise. Überraschend ist eigentlich nur, dass sie seiner exponierten Stellung nicht das Geringste anhaben, weder bei den Bayern noch in der Nationalmannschaft. Kloses Stammplatz ist nie ernsthaft in Gefahr geraten, immer noch wird er als Deutschlands bester Angreifer geführt, als einziger Weltklassestürmer, den die Nation besitzt. Dabei gibt es keinen wirklichen Weltklassestürmer, der sich so sehr von der Macht der Gefühle lenken lässt wie Klose.

„In Miro geht natürlich viel vor“, sagte Jürgen Klinsmann, der gemeinsam mit Bayerns Manager Uli Hoeneß das Klose-Unterstützerkommando angeführt hat. Hoeneß hatte die ewigen Diskussionen um den Stürmer und seine Form „unter der Gürtellinie“ verortet, Klinsmann leistete als Trainer vor allem tätige Aufbauhilfe. Gegen Hertha ließ er Klose erneut von Anfang an spielen, Lukas Podolski musste wieder auf die Ersatzbank. Spätestens als Klose den Ball aus kürzester Distanz nur an den Innenpfosten lenkte, deutete einiges darauf hin, dass es die falsche Entscheidung war. „Eigentlich mach ich in der Szene alles richtig“, sagte Klose. „Aber wenn man die Seuche hat, geht selbst so ein Ball nicht rein.“

Immerhin zeigte der Stürmer eine Reaktion: Er trat und schlug gegen den Pfosten, anstatt die Wut innerlich gegen sich selbst zu richten. Im Nachhinein fügte sich doch noch alles zum Guten, und Jürgen Klinsmann, der als Spieler selbst erlebt hat, wie ein Stürmer in Phasen der Torlosigkeit verkrampft, durfte sich in seiner Treue zu Klose bestätigt fühlen: „Irgendwann kommt der Moment, da geht der Ball rein, und dann läuft es auch wieder.“ Dass dazu ein Elfmeter notwendig war – geschenkt. Für Miroslav Klose ist selbst das keine Selbstverständlichkeit. Von den letzten vier Elfmetern hat er drei verschossen.

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