Sport : Miroslav Klose

Wie der Stürmer das Spiel gegen Schweden erlebte

Daniel Pontzen

Zwei Minuten und zwölf läuft das Spiel, ehe das Desaster für Teddy Lucic beginnt. Er ist heute Miroslav Klose zugeteilt, und wenn man von jenem armen Menschen absieht, der am Spielfeldrand im Plüschkostüm von Goleo steckt, hat Lucic die unangenehmste Aufgabe des Nachmittags: Vor allem er soll den deutschen „Angriffs-Führer“ (Klinsmann) daran hindern, den deutschen Angriff zu führen.

In jener dritten Minute probiert Lucic das mit einem Foul, es wird nicht das letzte Mal sein, dass er auf dieses Stilmittel zurückgreift. 60 Sekunden später kümmern sich Erik Edman und Olof Mellberg um Klose, das heißt, sie umzingeln ihn an der Strafraumkante, als er angespielt wird. Eigentlich hat Klose kaum eine Chance, doch nach Sekundenbruchteilen hat er sich durch die beiden hindurchgedreht, ein kurzer Antritt, der Torwart stürzt auf ihn zu und kann nur unkontrolliert abwehren. Der Ball springt zu Podolski, 1:0 für Deutschland.

Während sich die halbe Mannschaft an der Bank beim Jubel versammelt, schlendert Klose Richtung Mittelkreis, mit nach vorne gebeugten Schultern. In der 7. Minute zieht er bei einem Sprint zwei Gegenspieler auf sich, Ballack passt auf Podolski, dessen Schuss geht drüber. „Lukas Po-dols-ki“ schallt durch die Arena. Klose hebt den Daumen: Gut so, Jungs.

An der Strafraumkante nimmt Klose ein Anspiel auf, drei (!) Schweden verfolgen ihn, Klose sticht den Ball in die Lücke, Podolski rauscht heran, 2:0. Klose schlägt einen Salto – zum ersten Mal, ohne selbst getroffen zu haben. Viele Mitspieler laufen jetzt zu ihm, nicht zum Torschützen.

In der 18. Minute hat er seine erste eigene Chance, eine Flanke köpft er übers Tor. Dann erreicht Klose ein hohes Anspiel an der Mittellinie, er nimmt den Ball gefühlvoll mit der Brust an und leitet ihn per Außenristheber weiter. Außenristheber: Es hat solche Wörter lange nicht gegeben im deutschen Fußball.

Es geht weiter so im Zwei-Minuten-Takt: dort der Adrenalinangreifer Podolski, hier der Präszisionstechniker Klose. In der 28. Minute ist Klose wieder zu schnell für Lucic, Foul, Gelbe Karte. Sieben Minuten später hält er Klose, Lucic schaut auf den Schiedsrichter, er weiß, was jetzt passiert: Gelb-Rot.

Danach nimmt die Frequenz von Kloses Aktionen ab, aber immer noch stiehlt er Bälle, reißt Löcher, arbeitet Chancen heraus. Nach der Pause wieder eine dieser für ihn typischen Szenen: Als ihn ein Anspiel kurz vor der Eckfahne erreicht, hat er kaum Optionen: Er blickt aus dem Feld, steht mit dem Rücken zum Gegner. Müsste man sich nun die klosigste aller Lösungen vorstellen, wäre es wohl diese: Er würde sich um die eigene Achse drehen, dem Gegenspieler den Ball durch die Beine schieben und die nächste Chance einleiten. Klose macht es genau so.

Er arbeitet jetzt zudem mehr nach hinten. Auch vorn tritt er immer wieder in Erscheinung, bereitet zwei Chancen vor und kommt zweimal selbst zum Schuss, ein Tor aber gelingt ihm nicht. Vielleicht sagt das am meisten über seine Leistung aus: dass er dennoch zum Spieler des Spiels gewählt, nicht Podolski. Er arbeite hart dafür, demnächst vielleicht auch zum Kreis der Weltklasse-Stürmer zu zählen, hat Klose kürzlich gesagt. Demnächst? Vielleicht?

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