Sport : Misere, Teil 13

Hertha BSC verliert 2:4 gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln – Team und Trainer wissen nicht weiter

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Berlin - Nach dem Spiel lief Marko Pantelic in die Ostkurve, dorthin, wo die Fans von Hertha BSC stehen. Der Serbe reckte die Fäuste in den Himmel, drei-, vier-, fünfmal, er hüpfte auf und ab und wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Marko Pantelic feierte einen großartigen Nachmittag, und es dauert ein Weilchen, bis ihm aufging, dass niemand mitfeierte. Vielleicht hat ihm einer das Ergebnis gesagt, vielleicht hat er auch hinaufgeschaut auf die Anzeigetafel, die das Drama der vergangenen 90 Minuten in riesigen Ziffern dokumentierte. 2:4 hatte Hertha BSC verloren, gegen den 1. FC Köln, den Letzten der Fußball-Bundesliga, der zuvor in 18 Spielen hintereinander ohne Sieg geblieben war. Es sagt einiges über den Zusammenhalt in der Berliner Mannschaft, dass Marko Pantelic dennoch feierte. Er hatte die beiden Berliner Tore geschossen, aber das interessierte an diesem aus Berliner Sicht so freudlosen Nachmittag nur einen: Marko Pantelic.

Der Rest stürmte wortlos in die Kabine, keiner mochte sein Trikot tauschen mit einem der glückseligen Kölner. Eine knappe Stunde lang verschanzten sich die Berliner in ihrer Kabine, dann kam als Erster der kleine Yildiray Bastürk herausspaziert, den Kopf gesenkt, das Kreuz gebeugt von Sporttasche und seelischer Last. Bastürk flüsterte allerlei Belanglosigkeiten in die Mikrofone und zwei Sätze über seinen Vorgesetzten: „Wir stehen auf dem Platz und wollen die Spiele gewinnen. Da machen wir uns keine Gedanken um den Trainer.“

Falko Götz wirkte paralysiert. Nein, ein Schicksalsspiel sei das nicht gewesen, sagte der Berliner Trainer. Wie lange er noch die Kommandos geben werde? „Ich stehe noch zu sehr unter dem Eindruck des Spiels und gebe dazu keine Stellungnahme ab.“ In diesem Punkt weiß er sich einig mit der Vereinsführung. Dieter Hoeneß bahnte sich ohne Kommentar seinen Weg in den VIP-Raum, gefolgt von seinen ebenfalls stummen Assistenten Jochen Sauer und Michael Preetz. Es war ein schwerer Nachmittag für Dieter Hoeneß, vor allem an ihm machten die Berliner Fans die sportliche Krise der nun seit 13 Spielen in Bundesliga, DFB-Pokal und Uefa-Cup sieglosen Mannschaft fest.

Götz hielt einen Zettel in der Hand, die statistischen Daten zum Spiel und schüttelte den Kopf: „Da kannst du mal sehen, was diese Zahlen wert sind. Gar nichts.“ 28:19 Torschüsse, 9:1 Ecken, 23:5 Flanken, 57 Prozent Ballbesitz, alle Parameter wiesen Hertha als Sieger aus, nur der einzige nicht: das Ergebnis. Wer weiß schon, was passiert wäre, hätte Boateng mit zwei Distanzschüssen nicht nur den Innenpfosten getroffen, hätte Schröder seine Großchance genutzt oder Sverkos oder Samba oder Gilberto oder Pantelic oder…

Hertha BSC hat den Konjunktiv oft strapaziert in den vergangenen Wochen, aber nie war er so angebracht wie in diesem vermeintlichen Schicksalsspiel. Eine Halbzeit lang spielten die Berliner den 1. FC Köln an die Wand und keineswegs wie eine Mannschaft, die der Trainer nicht mehr erreicht. „In der einen oder anderen Situation haben wir das Glück in Anspruch nehmen müssen“, gab der Kölner Trainer Hanspeter Latour zu. Für seine Mannschaft begann das Spiel erst kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit, als Podolski und Streller binnen einer Minute die bis dahin lethargischen Kölner 2:0 in Führung schossen. Über die Rolle der Berliner Abwehrspieler, allen voran Kapitän Arne Friedrich, wird Falko Götz bei der Videoaufbereitung in den kommenden Tagen einiges zu sagen haben.

Von taktischer Struktur war jetzt nichts mehr zu sehen. Für den Stil der letzten halben Stunde kennt die Sportsprache den Terminus „offener Schlagabtausch“. Pantelic gelang schnell der Anschluss, dann waren wieder die Kölner dran, abermals durch Podolski. Pantelic schaffte noch ein zweites Abstaubertor, aber es wurde nicht der Nachmittag des Berliner Serben, da mochte er noch so penetrant mit beiden Daumen auf seinen Namen auf der Rückseite des Trikots zeigen.

Der Held des Spiels hieß Lukas Podolski. Der Kölner hatte seinen Spaß am Konterspiel, narrte immer wieder die konfuse Berliner Abwehr und fügte seinen beiden Toren noch die Vorarbeit zum 4:2 durch den gerade eingewechselten Scherz hinzu. Das war, drei Minuten vor Schluss, die Entscheidung. Fünf Wochen lang hatte der Nationalspieler nicht getroffen, vor allem an ihm war die Kölner Krise festgemacht worden und auch ein wenig die der Nationalmannschaft. Der Lukas Podolski, der gestern im Olympiastadion aufspielte, hatte mit dem Lukas Podolski, der am Mittwoch über den Rasen von Florenz schlich, nur den Namen gemein. Bundestrainer Jürgen Klinsmann wird zufrieden sein. Hertha BSC hat ein gutes Werk für Deutschland getan.

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