Sport : Mission statt Missgunst

Der niederländische Trainer Bert van Marwijk hat aus vielen Einzelspielern eine Mannschaft geformt. Und ihr gezeigt, dass Fußball nicht immer schön ist

Meister der Harmonie.
Meister der Harmonie.Foto: REUTERS

Ein angenehm milder Nachmittag am Indischen Ozean, Nelson Mandela Bay Stadion. Bert van Marwijk, 58, und seine Assistenten Philipp Cocu, 39, und Frank de Boer, 40, stehen an der Seitenlinie. Es ist kurz vor halb vier, das Trio überwacht, wie die niederländische Nationalmannschaft letzte Vorbereitungen für den Viertelfinal-Showdown gegen Brasilien erledigt. Plötzlich weist de Boer seine Nebenmänner auf die Videotafel hin, wo die Regie einige Bilder vom Elfmeterschießen vom WM-Halbfinale 1998 einblendet. Sein Zwillingsbruder Ronald und Cocu hatten damals gegen Brasilien versagt. Das Trio auf dem Rasen wendet den Blick schnell ab von den bunten Bildern. Weil sie zur Unzeit auftauchen.

Denn keine drei Stunden später ist an diesem Freitag das Trauma aufgearbeitet. Verbandsdirektor Henk Kessler wird aus der Kabine kommen und sagen, dieses Team strahle „ein Gefühl der Unbesiegbarkeit aus“. Assistent de Boer wird erklären, man sei in Südafrika, „um jeden zu schlagen“. Der nächste Sieg ist für diesen Dienstag in Kapstadt gegen Uruguay geplant. Die Niederländer wollen nach 1974 und 1978 zum dritten Male ins Finale. Der gesperrte Nigel de Jong hat sich von seinen Mitspielern versprechen lassen, ihm eine Bitte zu erfüllen: „Ich will nicht nach Port Elizabeth zurückzukommen, um das Spiel um den dritten Platz zu machen.“ Solche Verbundenheit war lange nicht vorhanden, statt Freundschaft und Kollegialität herrschten oft Neid und Missgunst. Der neue Zusammenhalt ist ein Verdienst des Trainers.

Es sind Kleinigkeiten, die dem Harmoniemenschen van Marwijk den Respekt seiner Spieler bescheren. Als Ersatztorwart Michael Vorm vor der Auftaktpartie gegen Dänemark von den Bauchschmerzen seiner schwangeren Ehefrau erfuhr, durfte er sofort abreisen. Als das Team bereits für das Achtelfinale qualifiziert war, fiel das Abschlusstraining aus: Stattdessen machte die Mannschaft einen Ausflug nach Robben Island. Die Streithähne Robin van Persie und Wesley Sneijder hat van Marwijk mit einem Machtwort zur Räson gerufen.

Der Bondscoach spricht von „einem langen Prozess, der Monate, ja Jahre“ gedauert habe. Nun aber sei „die Euphorie in Holland unglaublich“, sagt der zwischen 2004 und 2006 bei Borussia Dortmund angestellte van Marwijk. „Es ist auf der einen Seite schade, dass wir das nicht miterleben können. Auf der anderen bin ich froh – denn davon sind wir oft schlecht beeinflusst worden.“ Die Massenparty in Orange verleitete die niederländischen Spieler bei Turnieren auf europäischem Boden oft zu dem Irrglauben einer später auf dem Platz nicht existenten Überlegenheit. Nun lautet die Devise ihres pragmatischen Vordenkers: „Lasst uns nicht neben unseren Schuhen laufen.“

Die neue Sachlichkeit ist nicht mit falscher Bescheidenheit zu verwechseln. „Wir haben eine Mission. Wir wollen Weltmeister werden.“ Mit diesen Worten war van Marwijk im Sommer 2008 angetreten. Als eine seiner ersten Amtshandlungen schaffte er das zementierte 4-3-3 zugunsten einer 4-2-3-1-Formation ab. Zudem reaktivierte er Mark van Bommel, der mit seiner Tochter liiert ist. Die Vorbehalte verschwanden schnell. Oranje 2010 ist längst zu einem Team im Geiste van Bommels gereift.

Fußball ist eben nicht immer schön – nicht für die Zuschauer, erst recht nicht für die Gegner. Das soll auch Uruguay zu spüren bekommen. Und dann auch Deutschland oder Spanien im Finale? „Den Deutschen traue ich bei diesem Turnier alles zu“, sagt Arjen Robben, „aber nicht, dass sie das Endspiel gegen uns gewinnen.“ Das klingt so, als hätten die Niederländer nicht mal etwas dagegen, wenn im Soccer City Stadion von Johannesburg am Sonntag noch mal die Bilder aus dem WM-Finale 1974 gezeigt würden.

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