Sport : „Mit 1000 Rubel sind Sie dabei!“

Russlands Fußball im Sumpf der Manipulation

Elke Windisch

Moskau - Die Fußballsaison ist in Russland offiziell am Wochenende zu Ende gegangen, doch zu den Akten gelegt ist sie noch nicht. Akteure, Fans und inzwischen sogar die Politik sind sich inzwischen einig, dass die Spielzeit 2006 die bislang skandalträchtigste in der Geschichte des russischen Fußballverbandes war. Es geht um jede Menge verschobene Spiele von der ersten Liga bis zur Kreisklasse, die sogar das Parlament erreicht haben: Der Duma-Abgeordnete Alexander Agejew forderte, den Sumpf der Manipulation trockenzulegen. Handlungsbedarf besteht in der Tat: Von den 24 Schiedsrichtern der ersten Liga kamen in der laufenden Saison ganze 13 ohne Disziplinarstrafe davon. Aber auch Spieler, Trainer und vor allem der Fußballverband selbst sollen in den Betrug verwickelt sein. Immer wieder beschuldigen sich Klubs gegenseitig, Schiedsrichter bestochen oder Ergebnisse abgesprochen zu haben. Jegor Titow vom Vizemeister Spartak Moskau zweifelte etwa öffentlich die Rechtmäßigkeit des Titelgewinns von ZSKA Moskau an. Dessen Vereinschef Jewgeni Ginner steht in dem Ruf, Kontrolle über beinahe die gesamte Liga auszuüben.

Inzwischen gibt es einen Expertenrat aus ehemaligen Spielern und Verbandsfunktionären, der sich Aufzeichnungen umstrittener Spiele ansehen soll. Das Gremium wurde jedoch erst nach dem Appell des Abgeordneten Agejew tätig. Vier Spiele sollen nun nachträglich überprüft werden. In gleich zwei Fällen steht Metallurg Lipezk unter Verdacht, an den Ergebnissen gedreht zu haben. Sogar der Trainer des Drittligisten bezichtigte seine eigenen Spieler nach mehreren Niederlagen in Serie der Käuflichkeit – und ließ sie von professionellen Schlägern verprügeln.

Auch die Vorkommnisse beim Erstliga- Spiel Kuban Krasnodar gegen Saljut Begorod taugen für einen Krimi. Kurz vor dem Spiel setzte eine Vergiftung fast das gesamte Kuban-Team matt – Gerüchten zufolge soll die Dopingdosierung fehlerhaft gewesen sein. Gegen Saljut traten daher vor allem Ersatzspieler an, die mysteriöserweise dennoch locker 3:0 gewannen.

Bei den mutmaßlichen Manipulationen fließt nicht immer direktes Geld. Ein Offizieller des Fußballverbands sagte der „Iswestija“ anonym, unentgeltliche Absprachen seien vor allem im Mittelfeld weit verbreitet, wo Mannschaften spielen, die aus dem Haushalt der Regionen finanziert werden. Drei Klubs hätten untereinander vereinbart, die jeweiligen Heimspiele zu gewinnen, um bei ihren Gouverneuren größere Summen locker zu machen.

Eine tragende Rolle spielen bei dem Skandal die Wettbüros. Zu deren Kunden gehören offensichtlich auch Leute, die Zugang zu Spielern und Managern haben. Seit Mai wird im Internet ungeniert Insiderwissen zu verschobenen Spielen zum Verkauf angeboten. „Nähere Informationen können sehr einträglich sein“, heißt es in einer Werbung. „Mit 1000 Rubel (umgerechnet ca. 30 Euro, d. Red.) sind auch Sie dabei.“

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