Sport : Mit abgeschnittenen Beinen

Bei der 0:3-Niederlage gegen Frankreich sehen die Deutschen, wie weit sie noch von der Weltklasse entfernt sind

Stefan Hermanns

Gelsenkirchen. Kurz vor Schluss löste Paul Freier in der Arena Auf Schalke noch einmal große Heiterkeit aus. In der eigenen Hälfte lief er mit dem Ball los, doch schon an der Mittellinie wartete das erste Hindernis. Es erschien in Gestalt von Zinedine Zidane, des besten Fußballers der Welt. Freier erhöhte das Tempo, wackelte kurz mit dem Körper und rannte einfach an Zidane vorbei. Doch kurz hinter der Mittellinie merkte der kleine Bochumer, dass er etwas verloren hatte – den Ball. Zidane hatte bloß seinen Fuß auf den Ball gesetzt. Das reichte, um die Deutschen mal wieder zu stoppen.

„Im Moment muss man einfach eingestehen, dass wir noch nicht die Klasse von Frankreich haben“, sagte Michael Ballack, der als Deutschlands bester Fußballer gilt, beim 0:3 gegen den Europameister jedoch nicht weiter auffiel. „Er hat viel versucht“, sagte Teamchef Rudi Völler. „Er war engagiert.“ Das galt auch für den Rest des Teams, doch am Ende aller Bemühungen lieferte das Freundschaftsspiel in der Schalker Arena nur einen weiteren Beleg dafür, dass die deutsche Nationalmannschaft zurzeit mit den Großen des Weltfußballs nicht mithalten kann.

Trotzdem sieht Völler seine Mannschaft weiterhin auf dem richtigen Weg, aber „was bleibt, ist das nackte Ergebnis: Das 0:3 tut weh, weil es auch blöde aussieht.“ Vielleicht aber ist ein solch deutliches Resultat gar nicht so schlecht, weil zuletzt nicht einmal die deutschen Spieler selbst ihre eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen wussten. „Sind wir eine gute Mannschaft? Oder sind wir eine schlechte Mannschaft?“, hatte Jens Jeremies vor der Begegnung gefragt. Eine eindeutige Antwort hat auch das Spiel gegen die Franzosen nicht geliefert. Aber immerhin wissen die Deutschen nun, dass sie keine sehr gute Mannschaft sind.

Aus den Niederlagen gegen Holland und Italien durfte Teamchef Völler noch die erfreuliche Erkenntnis gewinnen, dass seine Mannschaft spielerisch mithalten kann. Dass Fredi Bobic aber auch nach dem Spiel gegen die Franzosen behauptete: „Wir haben in der ersten Halbzeit nur verpasst, die Tore zu machen“, diente wohl eher dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen. Zu keinem Zeitpunkt gewährten die Franzosen den Deutschen die Kontrolle über das Geschehen.

„Wir haben das gemacht, was wir können“, sagte Willy Sagnol. „Fußball spielen.“ Vor allem in der zweiten Halbzeit, und dann offenbarte sich der wahre Unterschied zwischen beiden Mannschaften. Das, was sein Team nach dem 2:0 mit den Deutschen gemacht habe, bezeichne man im Französischen als „couper les jambes“, sagte Nationaltrainer Jacques Santini. Der Dolmetscher des DFB übersetzte diese Redewendung mit „die Beine wegziehen“. Wörtlich aber bedeutet sie: die Beine abschneiden. „Wenn man den Ball hat, ist es immer einfacher“, sagte Sagnol. Und zeitweise machten die Franzosen es den Deutschen besonders schwer. „Die kennen sich schon so lange, die spielen wie eine Vereinsmannschaft“, sagte Andreas Hinkel. Diese Leichtigkeit, das fast blinde Verständnis fehlte den Deutschen.

Andreas Hinkel, der junge Stuttgarter, war in seinem fünften Länderspiel neben seinem VfB-Kollegen Kevin Kuranyi die einzige erfreuliche Erscheinung in der deutschen Mannschaft. „Gerade die Jungen haben hin und wieder angedeutet, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte Teamchef Völler. „Die werden noch weiter nach vorn brechen.“ Die Entwicklung bei den beiden Stuttgartern kommt nicht von ungefähr: Mit dem VfB spielen Hinkel und Kuranyi in der Champions League gegen die besten Mannschaften Europas. Aber genau diese Erfahrung fehlt den meisten deutschen Nationalspielern. Während bei den Franzosen alle 18 Spieler aus dem Kader mit ihren Klubs noch in einem europäischen Wettbewerb spielen, davon 16 in der Champions League, sind es bei den Deutschen gerade acht.

Trotzdem hatten die Deutschen vor dem Spiel gehofft, sich im Wettkampf mit den übermächtigen Franzosen ein wenig Selbstvertrauen für die Europameisterschaft zu verschaffen. Nach dem Spiel aber fragten nur Kevin Kuranyi und Arne Friedrich ihre Gegenspieler, ob sie das Trikot mit ihnen tauschen wollten. Bis auf Lilian Thuram und Thierry Henry gingen alle Franzosen mit ihren weißen Hemden vom Feld. Wahrscheinlich hatten die deutschen Nationalspieler schon die Frage für anmaßend gehalten.

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