Sport : Mit aller Kraft

Roger Federer und Novak Djokovic stehen sich erneut im Halbfinale der French Open gegenüber.

Petra Philippsen[Paris]
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Als Roger Federer am Mittwochmorgen in seinem Hotelzimmer am Pariser Place Vendôme erwachte, war er erleichtert. „Ich hatte keine Schmerzen, mir tat nichts weh“, erzählte er, „nicht einmal Muskelkater – zum Glück.“ Es war bisher kein einfaches Turnier bei den French Open für den 30 Jahre alten Schweizer. Im Viertelfinale fand Federer gerade noch rechtzeitig Tritt, als er gegen den Argentinier Juan Martin del Potro schon mit 0:2 in den Sätzen zurücklag. Es hatte ihn viel Kraft gekostet. Umso erleichterter war Federer nun, dass sein Körper die Tortur weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Er wird seine Energie brauchen, am Freitag im Halbfinale gegen Novak Djokovic.

Zweifellos, Federer täte wohl alles für ein Déjà-vu bei den French Open, denn vor einem Jahr hatte er den Serben dort nicht einfach nur bezwungen. Vielmehr spielte er sogar so gut, wie es ihm nur noch wenige zugetraut hatten. „Das war die beste Partie, die ich letzte Saison gespielt habe“, sagte Federer, „es war brutal, wie wir uns da über den Platz geschickt haben.“ Dabei hatte Federer ausnahmsweise niemanden als ernsthaften Titelkandidaten auf der Rechnung gehabt, und das wollte schon etwas heißen für den Rekord-Grand-SlamSieger. Alle Welt sprach seinerzeit in Paris nur von Serienchampion Rafael Nadal und natürlich Djokovic, der das Verlieren irgendwie bis dato verlernt hatte. 41 Siege in Folge legte Djokovic zum Saisonstart 2011 vor, nur zwei Siege fehlten ihm zur Bestmarke von John McEnroe. Doch dann kam das Halbfinale, dann kam Federer.

„Roger hat unglaublich gespielt“, erinnert sich Djokovic, „und dabei dachte ich eigentlich, ich hätte auf sehr hohem Niveau gespielt.“ Doch er konnte nicht viel tun gegen den grandiosen Federer, der scheinbar an diesem Tag die Zeit ein Stück zurückgedreht hatte. Die französischen Fans am Court Philippe Chatrier wollten nach der Partie gar nicht mehr aufhören, zu applaudieren und seinen Namen zu rufen. Sie feierten den Schweizer so begeistert und dabei derart warmherzig, dass sie Federer fast zu Tränen rührten. Es war ein großer Moment für ihn, beinahe eine Renaissance seines Alter Ego. Federer hatte gezeigt, wozu er bei den Grand Slams, bei den allerwichtigsten Turnieren, noch imstande ist – auch wenn er das Finale zwei Tage später gegen Nadal verlor. So lässt sich Djokovic auch vor der Neuauflage des Halbfinals nicht davon täuschen, dass Federer erst in der Runde zuvor annähernd seine Form gefunden hatte. „Ich erwarte wieder ein aufregendes Match“, sagte Djokovic, „mit Roger muss man in dieser Phase eines Turniers immer rechnen“. Doch auch beim Serben haben sich die Vorzeichen leicht verändert. Er führt weiterhin die Weltrangliste an, aber das Dauersiegen hat bereits lange vor den French Open aufgehört. Auch Nadal konnte ihn wieder auf Sand bezwingen, und in Paris musste Djokovic schon über die volle Distanz gehen. Vier Matchbälle wehrte er gegen Jo-Wilfried Tsonga ab.

Doch der Eindruck täuscht, dass Djokovic nachgelassen hat. Etliche zehrende Partien mehr hat er in dieser Saison schon überstanden. Djokovic ist wie kein anderer Spieler in der Lage, aus der Defensive heraus zu punkten. Keinen Millimeter gibt er nach, auch gegen Federer wird er das nicht tun: „Ich gehe raus und glaube daran, dass ich gewinne.“

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