Sport : Mit Auge und Ellenbogen

Luiz Gustavo darf bei den Bayern jetzt da spielen, wo seine Qualität am besten zur Geltung kommt

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Endlich oben. Luiz Gustavo (l.) lässt sich von Rafinha für sein Tor feiern. Foto: dapd
Endlich oben. Luiz Gustavo (l.) lässt sich von Rafinha für sein Tor feiern. Foto: dapdFoto: dapd

Das mit dem Torjubel war weder einstudiert noch abgesprochen und gerade deshalb so eindrucksvoll. Wie Luiz Gustavo am Strafraum einfach abdrehte, nicht nach vorn und auch nicht zurück, sondern einfach nach rechts, einem unbewussten Impuls folgend, immer weiter, bis ihn die Kollegen Boateng, Rafinha, Schweinsteiger endlich eingeholt hatten und über ihn herfielen. An der Seitenlinie, ziemlich genau vor der Wolfsburger Trainerbank von Felix Magath. Luiz Gustavo weiß wahrscheinlich nicht viel über das besondere Verhältnis zwischen den Münchnern und ihrem ehemaligen Meistertrainer. Aber dass Magath nichts mehr hasst als Niederlagen gegen den FC Bayern, das werden sie ihm später schon noch erzählt haben.

Dieses Tor in Wolfsburg, erzielt in den ersten Sekunden der Nachspielzeit, es war das erste der Bayern im zweiten Spiel der Saison. Ein besserer und glücklicherer Torhüter als Diego Benaglio hätte den Ball wohl um den Pfosten gelenkt. Aber der Schweizer ist schon seit Monaten nicht mehr der großartige Rückhalt, der er einmal gewesen ist im Meisterfrühling 2009, als die Wolfsburger den FC Bayern 5:1 besiegten und Magath zur speziellen Münchner Erniedrigung noch seinen Ersatztorwart einwechselte.

Vergessen und vorbei. Wolfsburg ist längst kein Kandidat mehr für höhere Weihen, und die Bayern sind längst wieder in der Spur der späten, glücklichen aber irgendwie auch verdienten Sieger. Auch und vor allem dank Luiz Gustavo. „War vielleicht nicht unhaltbar, aber immerhin mein dritter Versuch, und irgendeiner muss ja mal reingehen“, sagte der 24 Jahre alte Brasilianer, der so gar nicht brasilianisch spielt, wenn man das klassische Verständnis von den Samba-Zuckerhut-Ballstreichlern zugrunde legt. Aber so brasilianisch spielt mittlerweile nicht mal mehr die blau-gelb-grüne Seleçao, wie am Mittwoch beim Länderspiel in Stuttgart zu bestaunen war. Es war wohl kein Zufall, dass Luiz Gustavo beim ersten Europa-Auftritt dieser eher physisch denn tänzerisch geprägten Nationalmannschaft sein internationales Debüt gab.

Wenn Luiz Gustavo über Fußball spricht, spricht er auffällig oft von Arbeit und eher selten vom Spiel. „Wenn wir weiter so arbeiten, werden wir noch viel Erfolg haben“, hat er nach dem späten Sieg in Wolfsburg erzählt. Mit seinem Stil gewinnt er keine Schönheitspreise, aber ohne Spieler seiner Qualität lassen sich im Fußball des dritten Jahrtausends schwerlich Spiele gewinnen. Luiz Gustavo ist der aggressive Balldieb. Einer, der rund um die Mittellinie sein Regiment führt, jeden Quadratmeter in dieser über Sieg und Niederlage entscheidenden Zone beackert, nie zurückhaltend in der Wahl seiner Mittel. Luiz Gustavo fährt gern auch mal den Ellenbogen aus, so gern, dass er in seinen ersten beiden Bundesligajahren vier Platzverweise und 15 Gelbe Karten kassierte.

Da spielte er noch in Hoffenheim und galt als jähzornig und schwer integrierbar. Für Ralf Rangnick aber war er mit seiner Mixtur aus technischen, körperlichen und läuferischen Fähigkeiten der Prototyp des modernen Mittelfeldspielers. Um Luiz Gustavo herum wollte der Fußballlehrer eine Mannschaft mit internationalen Ambitionen aufbauen. Als Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp den Brasilianer in der vergangenen Winterpause hinter dem Rücken des Trainers für geschätzte 17 Millionen Euro nach München verkaufte, erklärte Rangnick sein Mitwirken am Hoffenheimer Projekt für beendet.

Bei den Bayern hat Luiz Gustavo es nicht immer leicht gehabt. Unter Louis van Gaal wurde er hin- und hergeschoben, er diente mal als Außen-, mal als Innenverteidiger, aber kaum einmal auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld. Für van Gaal war er der Alibi-Transfer, um den einflussreichen Mark van Bommel loszuwerden. Auch nachdem van Bommel entnervt zum AC Mailand gewechselt war, fand Luiz Gustavo kaum hinein in die Hierarchie des schwächelnden Branchenführers. Dazu passte, dass er sein erstes und einziges Tor in dieser Münchner Premierensaison beim demütigenden 1:3 daheim gegen den späteren Meister Borussia Dortmund erzielte.

Erst nach der Machtübernahme von Jupp Heynckes spielt er dort, wo seine Fähigkeiten am besten zur Geltung kommen. Seinen Platz im zentralen Mittelfeld verantwortet Luiz Gustavo mit Auge und Ellenbogen. Er wirkt auf den ersten Blick zart und feingliedrig, aber dieser Eindruck ist flüchtig und täuscht. Wolfsburgs Südkoreaner Koo hat das zu spüren bekommen am Samstag, als er im Münchner Strafraum Erfolg versprechend zum Schuss zu kommen schien, aber dann zusammenprallte mit Luiz Gustavo, dessen humorloser Check ihn verdächtig weit in Richtung Eckfahne schleudern ließ. Nicht typisch brasilianisch, aber ungemein effektiv und dabei so elegant, dass Schiedsrichter Knut Kircher nicht im Traum daran dachte, auf Elfmeter gegen die Bayern zu entscheiden.

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