Sport : Mit dem Absturz leben

Die Handball-Traditionsklubs Essen und Wallau müssen in der Regionalliga neu anfangen

Hartmut Moheit

Berlin - So richtig werden die Fans wohl erst am 27. August begreifen, was mit Tusem Essen passiert ist. An dem Tag werden die Handballer in der Sporthalle Lührmannwald gegen den VfL Gladbeck antreten – in der Regionalliga. Für den EHF-Cup-Sieger der vorigen Saison beginnt damit zwei Klassen tiefer ein neuer Alltag, nach 26 Jahren Zugehörigkeit zur Ersten Bundesliga. Der Traditionsklub war in die Bredouille geraten, als der Hauptsponsor eine vertraglich zugesicherte Summe in Höhe von 2,77 Millionen Euro nicht zahlte. Die Folge war die Lizenzverweigerung auch in dritter Instanz am 30. Juni durch das Schiedsgericht der Handball-Bundesliga. Ebenso erging es dem Bundesligisten SG Wallau-Massenheim.

Bereits am Tag eins nach dem Sturz in die Drittklassigkeit blickte man in Essen nach vorn. Jürgen Schorn, seit 1976 Leiter der Handball-Abteilung, schrieb den Spielern einen Brief. „Ich habe gelernt zu ertragen, was man nicht ändern kann, und mit Würde preiszugeben, was nicht mehr zu retten war“, stand dort geschrieben. Schorn wollte wissen, unter welchen Bedingungen die Spieler dem Verein treu bleiben würden. Der Ausverkauf der Stars hatte aber längst stattgefunden. Oleg Velyky wechselt mit Trainer Juri Schewzow zu Aufsteiger Kronau/Östringen, Torwart Chrischa Hannawald geht nach Großwallstadt, Linksaußen Gudjon Sigurdsson zum VfL Gummersbach. Für Schorn ist der direkte Zweitliga-Aufstieg das Ziel – neben der finanziellen Konsolidierung. Er sagt: „Die wirtschaftlichen Kriterien müssen so schnell wie möglich geklärt werden.“ Ion Bondar soll künftig die Mannschaft trainieren, die neu aufgestellt werden muss. Vom ehemaligen Bundesliga-Kader signalisierten nur die Nachwuchsspieler Ingo Stary und Sebastian Reiners Interesse zu bleiben.

Bei der SG Wallau-Massenheim herrscht sportlich ähnliche Ungewissheit. Auch dort fiel die Mannschaft auseinander: von Trainer Martin Schwalb (nach Wetzlar) bis hin zu den Nationalspielern Olaf Immel, Heiko Grimm und Jens Tiedtke (alle nach Großwallstadt). Betrüblich ist die finanzielle Lage: 1,4 Millionen Euro Schulden drücken, die Gläubiger stehen Schlange. Die Wallauer hatten bereits am 31. März einen von ihrem damaligen Interims-Geschäftsführer gestellten Eigenantrag auf Insolvenz der Spielbetriebs-GmbH absichtlich bis zuletzt verheimlicht. Ein Eigenantrag auf Insolvenz hätte damals bereits, laut Lizenzierungsrichtlinien, automatisch den Zwangsabstieg nach sich gezogen.

Jörg Schulze soll nun die Mannschaft, die aus dem Reserveteam gebildet wird, in der Regionalliga betreuen, in Zusammenarbeit mit Ex-Nationalspieler Mike Fuhrig. Es besteht Hoffnung: Die A-Jugend wurde gerade Deutscher Meister.

„Die Politik hat uns im Regen stehen lassen“, sagte SG-Präsident Hans-Dieter Großkurth. Am 28. Juni um 15.37 Uhr hat der Webmaster die Homepage der SG Wallau-Massenheim abgeschaltet – wegen ausstehender Zahlungen.

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