Sport : Mit dem Hütchen in der Hand

Deutschland, deine Assistenten: Was Hans-Dieter Flick von seinem Vorgänger Joachim Löw unterscheidet und welche Rolle der Kotrainer jetzt spielt

Sven Goldmann[Stuttgart]

Horst Tappert hat den Satz nie gesagt, in keiner der 281 Folgen, in denen er als Kriminalkommissar Stephan Derrick auf Mörderjagd ging. Ein Fernsehkritiker hat da mal was verwechselt, und seitdem ist Tappert Kult mit seiner Anweisung an Inspektor Harry Klein: „Harry, hol schon mal den Wagen!“ Sind Kompetenz und Aufgabengebiet des ewigen Assistenten je boshafter karikiert worden? Übertragen in den Mikrokosmos der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hieße das: „Hansi, hol schon mal die Hütchen!“ Hans-Dieter Flick, der Assistent des neuen Bundestrainers Joachim Löw, hat dieses Witzchen schon öfter gehört. Es geht zurück auf Ulli Stielike, auch er einst Kotrainer in Diensten der Nationalmannschaft. Stielike hatte den Job in seinem Mannheimer Dialekt einmal so beschrieben: „Isch bin net nur zum Hütsche uffstelle und Bälle uffpumpe da.“

Trotzdem prägt seitdem das Bild mit den Hütchen das Image der Kotrainer. Als Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren Bundestrainer wurde, stellte er bei der Vorstellung seines Assistenten Löw gleich klar, „dass der Jogi nicht nur der Mann für die Hütchen ist“. Das waren die Assistenten der Bundestrainer ohnehin so gut wie nie. Bis in die Siebzigerjahre hinein war es in der Nationalmannschaft Tradition, den zweiten Mann nach der Abdankung des ersten zum Chef zu machen. Der berühmteste Kotrainer der deutschen Fußballgeschichte war Sepp Herberger, der nach dem Debakel bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin (0:2 gegen Norwegen) seinem Freund Otto Nerz folgte. Das heißt, mit der Freundschaft war es schnell vorbei, Nerz fühlte sich verraten und klagte: „Ich habe eine Natter an meiner Brust großgezogen und habe es nicht gewusst.“

Herberger hat den Verdacht, er habe bei DFB-Präsident Felix Linnemann gegen Nerz intrigiert, nie ganz ausräumen können. Bezeichnenderweise verzichtete er lange Zeit auf die Berufung eines Kotrainers. Noch 1954 bei der WM in Bern machte er die Arbeit auf dem Platz weitgehend allein, sein Assistent Albert Sing war ein besserer Quartiermeister. Als Herberger 1956, mittlerweile fast 60 Jahre alt, doch einen Teil der Arbeit delegierte, wählte er dafür einen Mann, dessen bedingungsloser Loyalität er sich sicher war: Helmut Schön, Flüchtling aus Dresden, von Herberger einst als Nationalspieler gefördert. Es war eine Wahl mit Hintergedanken: Noch lange nach seinem Rücktritt im Jahr 1964 versuchte Herberger, über seinen Nachfolger Schön Einfluss auf die Nationalelf zu nehmen. Der neue Bundestrainer tat sich schwer, seinen Mentor zurückzuweisen. Erst mit der erfolgreichen WM 1966 in England emanzipierte er sich endgültig von Herberger.

Schön führte die Nationalmannschaft 14 Jahre lang und suchte zunächst starke Leute an seiner Seite. Erst Dettmar Cramer, den weltreisenden Fußballprofessor, später Udo Lattek. Beide kamen als Nachfolger nicht infrage, weil sie Karriere als Vereinstrainer in der Bundesliga machen wollten. Als Schön nach der missratenen WM 1978 in Argentinien zurücktrat, fiel die Nachfolge wie gehabt auf seinen Assistenten, damals der farblose Jupp Derwall, der nie als Cheftrainer in der Bundesliga gearbeitet hatte. An seiner Seite arbeitete der junge und ehrgeizige Erich Ribbeck, der schon die Bundesligisten Kaiserslautern und Frankfurt betreut hatte und bei seiner Karriereplanung fest auf das Prinzip der Thronfolge setzte. Doch als Derwall nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 1984 zurücktreten musste, brach der DFB mit der Tradition. Mit Hilfe der „Bild“-Zeitung putschte sich Franz Beckenbauer an die Macht. Ribbeck, der sich – obwohl er nach einem Streit mit Derwall zum Olympiateam gewechselt war – als legitimen Nachfolger sah, war so erbost darüber, dass er den DFB verließ.

Ribbeck kam 14 Jahre später doch noch ins Amt, als Nachfolger des Beckenbauer- Nachfolgers Berti Vogts. Bundestrainer aber durfte er sich mangels Ausbildung nicht nennen, der DFB gestand ihm nur den Titel eines Teamchefs zu. In seinen zwei erfolglosen Jahren verschliss Ribbeck zwei Assistenten: Erst trat Ulli Stielike zurück, weil Ribbeck ihn eben doch nur Bälle aufpumpen und Hütchen aufstellen ließ. Ihm folgte Horst Hrubesch, der bei der desaströsen EM 2000 den gern zitierten Satz prägte: „Wir müssen das Spiel noch mal Paroli laufen lassen.“

Hrubesch verschwand nach Ribbecks Demission in den Tiefen des DFB-Trainerstabs. Beim Neuanfang kam es zu der ungewöhnlichen Konstellation, dass Rudi Völler als erster Mann den Titel eines Teamchefs führte und sein Assistent Michael Skibbe offiziell als Bundestrainer firmierte. Auf diese Ehre verzichtete Joachim Löw, als ihn Klinsmann im Spätsommer 2004 zur Nationalmannschaft holte. Doch wahrscheinlich hat nie ein Assistent so großen Einfluss gehabt wie der Stratege aus Baden, dem Klinsmann freimütig die taktische Oberhoheit überließ: „Durch seine Arbeit als Cheftrainer hat er eine taktische Erfahrung, die meiner weit überlegen ist.“ Weil Löw für die Fortführung des erfolgreichen Experiments stand, belebte der DFB erstmals seit 28 Jahren wieder die Tradition und machte den Assistenten zum Cheftrainer.

Löw hat bereits angedeutet, dass er seinen Job als Projekt sieht und keinesfalls als Lebensaufgabe. Wird sein Assistent Hans-Dieter Flick einmal zum Bundestrainer aufsteigen? Flick hat seine Prüfung zum Fußballlehrer gemeinsam mit Thomas Doll als Jahrgangsbester absolviert. Fünf Jahre lang war er Cheftrainer in Hoffenheim, Löw hat ihn als Sportdirektor von Red Bull Salzburg abgeworben. Er spricht in kurzen Sätzen und wünscht sich eine Zukunft im Hintergrund: „Ich sehe mich als Zuarbeiter für Joachim Löw.“ Das Verwegenste an ihm ist ein kleines Bärtchen unter der Unterlippe, wie es Frank Zappa früher trug. Am Dienstag hat er seinen Einstand als Assistent der Fußball-Nationalmannschaft gegeben. Es gibt Fernsehbilder von den ersten Trainingseinheiten, sie zeigen einen wild gestikulierenden Bundestrainer Joachim Löw, ganz der Chef. Kurz blendet die Kamera auf Hans-Dieter Flick, der gerade die Hütchen aufstellt.

1956–1964

Helmut Schön (unter Sepp Herberger)

1964–1967

Dettmar Cramer

(Helmut Schön)

1967–1970

Udo Lattek

(Helmut Schön)

1970–1978

Jupp Derwall

(Helmut Schön)

1978–1982

Erich Ribbeck

(Jupp Derwall)

1982–1983

Holger Osieck

(Jupp Derwall)

1983–1984

Horst Köppel

(Jupp Derwall)

1984–1987

Horst Köppel

(Franz Beckenbauer)

1987–1990

Holger Osieck

(Franz Beckenbauer)

1990–1998

Rainer Bonhof

(Berti Vogts)

1998–2000

Ulli Stielike

(Erich Ribbeck)

2000

Horst Hrubesch

(Erich Ribbeck)

2000–2004

Michael Skibbe

(Rudi Völler)

2004–2006

Joachim Löw

(Jürgen Klinsmann)

2006

Hans-Dieter Flick

(Joachim Löw)

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