Sport : Mit dem Kopf im Krieg

Die Deutsch-Georgierin Anna Dogonadze sorgt sich um ihre Familie und wird Achte auf dem Trampolin

Benedikt Voigt[Peking]

Manchmal lügen Zahlen einfach. Im Fall der deutschen Trampolinturnerin Anna Dogonadze wiesen sie nach dem gestrigen olympischen Finale 18,90 Punkte, einen achten und letzten Platz sowie 16,60 Punkte hinter Platz sieben aus. Diese Zahlen sprachen: eine Katastrophe für eine Athletin, die vor vier Jahren noch Olympiasiegerin geworden ist. Doch das stimmt nicht, eigentlich ist das Ergebnis ein Erfolg.

Anna Dogonadze kann das zwar eine halbe Stunde nach dem Wettbewerb noch nicht so sehen. Niedergeschlagen steht die 1,58 Meter kleine Turnerin im Dunkel des Athleteneingangs des National Indoor Stadiums, in dem sie ihre Darbietung vorzeitig beenden musste. Doch dafür gibt es Gründe, die vieles, eigentlich alles, entschuldigen. „Ich habe einen Bandscheibenvorfall, ich dachte, ich schaffe es gar nicht zu turnen“, erklärt sie. Seit Monaten plagen sie starke Rückenschmerzen. Schon die Teilnahme am olympischen Finale war ein kleines Wunder, im letzten Moment hatte der deutsche Physiotherapeut Klaus Eder sie für die Qualifikation einsatzbereit geknetet. Im Finale patzte sie schließlich. Was noch einen anderen Grund gehabt haben dürfte: den Krieg in ihrer Heimat Georgien.

„Das hat mich sehr belastet“, sagt sie, „ich habe lange nichts von meinem Bruder und meiner Mutter gehört.“ Anna Dogonadze stammt aus Mzcheta in Georgien, vor zehn Jahren ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern leben immer noch in ihrem Heimatort, der nur 100 Kilometer von Gori, dem Brennpunkt des Kaukasus-Krieges zwischen Georgien und Russland, entfernt ist. Ihr Bruder ist Kampfpilot bei der georgischen Armee. Seit Beginn des Krieges waren die Telefonleitungen tot, im olympischen Dorf saß sie deshalb ständig vor dem Fernseher, um sich via Deutsche Welle und russischem Fernsehen über die Kriegshandlungen in Südossetien zu informieren. Lange Zeit hatte sie nur per SMS ein Lebenszeichen von ihrem Bruder erhalten.

„Gestern konnte ich zum ersten Mal mit meinem Bruder und meiner Mutter telefonieren. Sie haben gesagt, dass alles okay ist“, sagt Anna Dogonadze. Ob ihr Bruder im Krieg auch Kampfeinsätze geflogen ist, weiß sie nicht. „Das darf er mir auch nicht sagen“, erzählt sie. Stattdessen habe die Familie versucht, sie aufzubauen. „Sie sagten, ich solle meinen Wettkampf turnen und gut nach Hause kommen.“

In Athen hatte Anna Dogonadze nach ihrem Wettkampf über das Glück gesprochen, Goldmedaillengewinnerin zu sein. Gestern musste sie bei gleicher Gelegenheit über Weltpolitik reden. Ein Thema eigentlich, das ihr überhaupt nicht liegt. „Während der Olympischen Spiele einen Krieg anzufangen, ist unmöglich“, sagt die Mutter einer Tochter, „das sind die Friedensspiele der ganzen Welt, so etwas darf nicht passieren.“

In etwas anderen Worten hatte das auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon als Videobotschaft vor der Eröffnungsfeier gesagt. Er hatte die Nationen zum olympischen Waffenstillstand aufgefordert. Unter den Zuschauern saß auch der russische Ministerpräsident Wladimir Putin, der sein Land nur wenige Stunden vorher in den Krieg geschickt hatte. „Ich weiß nicht, ob den Politikern alles egal ist“, sagte Anna Dogonadze, „ich kann mir nicht erklären, dass so etwas während Olympischer Spiele passiert.“

Sie ist nicht die einzige unter den Trampolinturnerinnen, die von dem Krieg betroffen ist. Die Georgierin Luba Golovina wusste lange nicht, ob sie überhaupt an den Spielen teilnehmen durfte. Erst zuletzt erlaubte der georgische Präsident Michail Saakaschwili seinen Athleten, in Peking zu starten. Und dann sind da noch die Russinnen unter den Trampolinturnerinnen. „Wir sind gute Freundinnen“ sagt Anna Dogonadze, „und wir lassen uns auch von Politikern nicht auseinanderbringen.“

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