Sport : Mit dem Verdacht am Hinterrad

Ivan Basso ist nach dem halben Dopinggeständnis nicht beim Giro dabei. Ein Hausbesuch

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Der Hund „Birillo“ rennt bellend über das Grundstück. Ohne ihn wäre Herrchen nicht als Dopingsünder entlarvt worden. Schließlich griff der 29-jährige Ivan Basso auf den Namen seines Hundes zurück, als er auf der Suche nach einem Decknamen war. Nun ist Basso ein Verdächtiger in der „Operation Puerto“ – und eine Randfigur im Radsport.

Trotzdem deutet nichts darauf hin, dass sich Ivan Basso in seiner Villa in der Via don Orione 10 verschanzt. Die Fensterläden sind geöffnet. Ein Arbeiter reinigt die Regenrinnen von Piniennadeln. Ehefrau Micaela ist im Haus, kümmert sich um die Kinder. Basso selbst trainiert weiter, als sei nichts geschehen. Bevor er in den Sattel steigt, befolgt er sein strenges Ritual. Er macht bei seinen besten Freunden halt. Zuerst bei der Pizzeria „L’Aragosta“ in der Via don Orione in der Nähe seines Wohnhauses. Hier trifft er einen versprengten Haufen von Tifosi, plaudert mit ihnen. Sie halten trotz allem zu ihm. Kurze Zeit später macht er bei Mario Lanzafame Station, um einen Kaffee zu trinken. Alles soll normal wirken.

Der ehemalige Profi, der in den siebziger Jahren fünfmal den Giro bestritt und heute gern von dieser Zeit schwärmt, betreibt eine Bar mit angeschlossener Bäckerei. Doch seine Profession ist eine andere. An diesem Wochenende hat der 90. Giro d’Italia begonnen, bei dem Basso eigentlich seine „Wiederauferstehung“ feiern sollte. Nun wurde er von der Startliste gestrichen.

Im 22 000 Einwohner zählenden Städtchen nahe Varese herrscht eine angespannte Atmosphäre. Nach Bassos Giro-Sieg im vergangenen Jahr wurde ihm in seiner Heimat wie einem Heroen gehuldigt. Heute will kaum jemand über den „reumütigen Dopingsünder“ reden. Erst nach mehrmaligen Nachfragen kommen gestammelte Antworten. „Wir lieben ihn trotz allem“, sagt eine junge Frau, die in der Via Gasparoli sitzt. Nebenan ist die Metzgerei von Bassos Vater Franco. Im Laden herrscht Hochbetrieb. Der Vater macht ein Gesicht, als habe sein Sohn ein fürchterliches Kapitalverbrechen begangen, will aber nicht darüber reden. Ivana Polinelli, Ivans Tante, die seit dem Tod der Mutter vor zwei Jahren an der Kasse sitzt, lässt sich zu einigen abgehackten Sätzen verleiten. „Wir machen alle eine sehr schwierige Zeit mit“, sagt sie. Über der Kasse hängen noch Bassos Trophäen. Basso hat sich stets bodenständig gezeigt. Bei wichtigen Siegen stemmte er entweder seine Tochter in die Höhe oder zeigte das Bild seines Sohnes. So sammelte er wichtige Sympathiepunkte.

Die Trophäen. Ein Foto auf dem Siegertreppchen, als er 1998 den U-23-WM-Titel gewann. Bilder von seinen Tour-de- France-Erfolgen: 2004 wurde er Dritter, im Jahr darauf sogar Zweiter und von Lance Armstrong als würdiger Nachfolger geadelt. Schließlich der Pokal vom letztjährigen Giro-Sieg, den er souverän wie kaum jemand vor ihm gewann. In der Art eines Paten, sagen Kritiker wie Gilberto Simoni, weil er angeblich bestimmte, wer die jeweiligen Etappen gewinnen sollte.

Gegen Ivan Basso ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft von Bergamo, die bereits den Inhaber eines Fitnesszentrums verhaftet hat. Bodybuilder, Athleten und Radrennfahrer wandten sich offenbar an ihn, um an verbotene Substanzen zu kommen. Ermittelt wird auch gegen Elisa Basso, Ivans Schwester. Das 24-jährige Pin-up-Girl, das zeitweise als Wetterfee des Kommerzsenders Rete 4 arbeitete, ist mit dem Radprofi Eddy Mazzoleni liiert. Zu den Akten liegt ein Anruf von ihr kurz vor der WM in Salzburg, bei dem sie ein Hormon verlangt, das die Testosteron-Produktion anregt. Ob sie die verbotene Substanz für ihren Freund orderte, der vergangenes Jahr für das T-Mobile-Team fuhr, ist noch unklar. Bei einer Hausdurchsuchung wurde nichts gefunden. Mazzoleni durfte beim Giro starten. „Es gibt 20 andere Fahrer, die auch nicht starten dürften“, empört sich ein Tifoso.

Als der Giro d’Italia gerade mit dem Mannschaftszeitfahren startet, kehrt Ivan Basso nach Hause zurück. Dreieinhalb Stunden ist er an diesem Tag über die Hügel um Cassano Magnago geradelt. „Ich kann nichts sagen“, sagt Basso. Er habe Order von seinem Anwalt, keine Interviews zu geben. Zu viel sei in den letzten Tagen falsch verstanden worden. Basso sei ein Opportunist und Lügner, hieß es einhellig in den Medien, nachdem er nach Ankündigung eines Geständnisses doch nur zugab, einen Dopingversuch unternommen zu haben.

Bassos Verteidigungslinie ist klar. Die beim spanischen Arzt Eufemiano Fuentes gefundenen Blutkonserven gehörten zwar ihm, aber er habe sie nicht benutzt. Daher kann er nur für einen Dopingversuch belangt werden. UCI-Präsident Pat McQuaid sieht es jedoch anders. Basso habe neun Monate lang die ermittelnde NOK-Kommission belogen und verdiene daher keinen Straferlass. Sollten die italienischen Sportinstanzen dennoch Milde walten lassen, würde der internationale Radsportverband das Sporttribunal in Lausanne anrufen, betonte McQuaid. „Basso ist eine Ikone, und deshalb verlangt sein Vergehen keine Gnade“, sagte der Schotte.

Ein letzter Interviewversuch bei Ivan Basso. Was er von Jan Ullrichs Verteidigungsstrategie halte, der immer noch konsequent jedwedes Doping negiert? Basso schüttelt den Kopf und zuckt schmunzelnd mit den Achseln. Ob er aufhören wolle? Jetzt redet er doch noch. „Nein“, sagt Ivan Basso, „auf keinen Fall.“

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