Sport : Mit der Eishockey-Karawane in die Alte Welt - und zurück

MARKUS HESSELMANN

Stuttgart, Herisau, Ratingen, Berlin-Hohenschönhausen und nun schon zum zweiten Mal KasselVON MARKUS HESSELMANNStuttgart, Herisau, Ratingen, Berlin-Hohenschönhausen und nun schon zum zweiten Mal Kassel - David Morrison ist bei seinen Spiel- und Wohnorten nicht wählerisch.Der Kapitän des heutigen Eisbären-Gegners Kassel Huskies reihte sich 1985 in die Karawane nordamerikanischer Eishockey-Profis ein, die in der heimischen National Hockey League den Durchbruch nicht geschafft hatten und deshalb ihr Glück in Europa versuchten."Ich hatte mir bei den Los Angeles Kings drei Jahre Zeit gegeben.Als ich dann immer noch im Farmteam spielen mußte, hatte ich erst einmal genug vom professionellen Eishockey", sagt der aus Toronto stammende Morrison rückblickend.Sein Plan zu studieren wurde aber sehr bald durchkreuzt.Denn wie zur Jahrhundertwende die Anwerber für den Ruhr-Bergbau in Ostpreußen, so rekrutieren in den USA und in Kanada Spielervermittler "Material" für die europäischen Ligen.Die Chance, den Horizont zu erweitern und sich die Alte Welt anzusehen, ließ sich Morrison nicht entgehen."Ich kam nach Stuttgart, um Europa kennenzulernen.Erst in zweiter Linie wollte ich dort auch Eishockey spielen." Entsprechend zunächst seine Einstellung.Beim Oberligisten EHC Stuttgart war er nicht nur als Stürmer mit gutem Auge sondern auch als Freund zünftiger Feiern bekannt.Doch bald merkte Morrison, daß man auch in Europa Eishockey zu spielen versteht und vor allem: daß man hier - mit steigender Tendenz - durchaus gutes Geld verdienen konnte.Über einen Abstecher in die Schweiz heuerte er nacheinander bei den damaligen Zweitligisten Ratingen und Kassel an und schaffte schließlich im Dezember 1992 - auch der spätere Meister Hedos München hatte angefragt - bei den "neureichen" Eisbären den Schritt in die Bundesliga. Mittlerweile ist er über das deutsche Eishockey und vor allem die deutschen Fans voll des Lobes.Nur: "In der Politik von Liga und Verband muß einiges klargestellt werden." Natürlich spielt der 35jährige damit auf den Dauerstreit zwischen beiden an - ein neuerliches Sommertheater mit Drohungen gegenseitigen Banns und ständiger Konkursgefahr diverser Klubs ist ja bereits programmiert."Wir Profis haben uns schon fast daran gewöhnt, daß unsere Existenz immer wieder auf dem Spiel steht", sagt Morrison.So könnte es ihn auch nicht schrecken, wenn sein Vertrag in Kassel jetzt nicht verlängert wird."Man versucht es halt woanders.Irgendwie geht es immer weiter." Mit seinem Manager habe er schon die Möglichkeiten in Köln durchdiskutiert, wo ja wohl nun ein Umbruch zu erwarten sei.Zwei Jahre wolle er auf jeden Fall noch weiterspielen. Auch Berlin war für Morrison zwischenzeitlich wieder ein Thema.Zumal seine Frau, deren Eltern vor 37 Jahren von hier aus nach Kanada auswanderten, in Berlin noch Verwandte hat.So habe es vor Saisonbeginn Verhandlungen zwischen den Capitals und Morrisons Manager gegeben.Und auch der "Baumeister" des jetzigen Eisbären-Erfolgsteams, der dann kurzfristig zum Nationaltrainer Kanadas berufene Andy Murray, habe vor Saisonbeginn bei ihm angefragt."Aber ich hatte einen Vertrag in Kassel und wir hatten uns dort gut eingelebt." Allerdings dürften dabei wohl auch die negativen Erfahrungen seines ersten Berlin-Engagements eine Rolle gespielt haben."Das waren in der Tat keine rosigen Zeiten.Der Verein hatte sich mit meinem Vertrag übernommen und konnte das Gehalt nicht mehr zahlen.Außerdem war es frustrierend, immer am Tabellenende zu spielen." Und jetzt, grämt er sich angesichts des Erfolgs seiner Nachfolger in Hohenschönhausen, darunter so viele Landsleute? "Ich wünschte, wir hätten zu meiner Zeit dieses Team und diesen Erfolg gehabt", räumt er ein.Zumal er seinerzeit - der Name Bosman stand noch für einen Fußballer, nicht für ein Urteil - sogar die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, um keinen Ausländerplatz zu blockieren.Bereut er den Schritt? "Es ging nicht anders, und es hat mir ja nicht geschadet." In Deutschland bleiben will Morrison trotzdem nicht: "Meine Heimat ist Kanada." Also keine Sentimentalitäten, auch nicht beim Gedanken an das für Donnerstag anstehende Duell in Berlin.Das sei ein "business trip", für Verwandtenbesuche keine Zeit, und sein Ex-Klub ein Gegner wie jeder andere.Aus seiner Zeit dort sind ohnehin nur noch Sven Felski, Dirk Perschau und Jan Schertz übrig.Eher schwingt bei diesem speziellen Austragungsort schon die Erinnerung an die Play-offs 1996 mit, als das damals von Hans Zach trainierte Kasseler Überraschungsteam sich gegen die hoch favorisierten Preussen Devils im Viertelfinale mit 2:3-Siegen sehr gut aus der Affäre zog."Diesmal", sagt Morrison, "verläuft das anders herum."

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