Sport : Mit der Kraft des Alters

Schwimmerin Dorothea Brandt hat eine olympische Medaille in Rio 2016 als großes Ziel – auch wenn sie dann schon 32 sein wird.

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Den Optimismus nicht verloren. Auch wenn es bei der WM in Barcelona nicht immer gut für Dorothea Brandt lief, hat sie noch große Pläne. Foto: dpa
Den Optimismus nicht verloren. Auch wenn es bei der WM in Barcelona nicht immer gut für Dorothea Brandt lief, hat sie noch große...Foto: dpa

Berlin - Während beim Kurzbahn-Weltcup der Schwimmer im Berliner Europasportpark Olympiasieger, Welt- und Europameister aus vielen Ländern starten, muss man unter den deutschen Teilnehmern schon suchen, um Starter der vor einer Woche beendeten WM zu finden. Britta Steffen, Sechste über 100 Meter Freistil in Barcelona, denkt derzeit im Urlaub „in Ruhe nach“, ob und wie es bei ihr weitergeht. Die 29-jährige Dorothea Brandt aus Essen ist die einzige deutsche Schwimmerin, die in Barcelona einen WM-Endlauf als Solistin erlebt hat. Über 50 Meter Freistil wurde die in Bremervörde geborene, 2003 nach Berlin und vor Jahresfrist ins Ruhrgebiet gewechselte Kurzstreckenspezialistin Achte.

Nach 2011, als Brandt im Sprintstakkato als B-Finalsiegerin Platz neun belegte, war es für sie die zweite WM. Als Aktivensprecherin musste Brandt einen Komplex von Herausforderungen bewältigen. Wie sie das tat, das machte sie zu einer Ausnahme in der Mannschaft. Ziemlich gelassen und ruhig wirkte es. „Ich habe alles drumherum ausgeblendet und mich auf mich selbst konzentriert“, sagt sie. Chefbundestrainer Henning Lambertz lobt die Schwimmerin. „Sie hat ihre Sache sehr gut umgesetzt. Aber da sind noch genug Reserven, die sie erschließen kann. Manchmal steht sie sich selbst im Weg“, sagt der Coach, der das aber „nicht ernüchternd, sondern motivierend findet“. Das Ziel heißt Olympia in Rio 2016.

Brandt strebt ihre erste Olympiateilnahme nicht nach dem Motto „Teilnahme ist alles“ an, sondern will aufs Treppchen. „Alles andere widerspräche meinem Ehrgeiz.“ Der hat sie am ersten Weltcup-Tag in zwei Finals getrieben. Über 100 Meter Brust wurde sie Achte, über 50 Meter Freistil gar Fünfte. Höhepunkt des Samstags war der 800-Meter-Weltrekord der Spanierin Mireia Belmonte, die als erste Frau unter acht Minuten blieb. In 7:59,34 verbesserte Belmonte die bisherige Bestmarke der Französin Camille Muffat aus dem Vorjahr um 1,72 Sekunden.

Dorothea Brandt hat bei der WM in Barcelona Mut gefunden. Sie glaubt fest daran, auf dem richtigen Weg zu sein. 2016 wird sie schon 32 Jahre alt sein. Viele der Konkurrentinnen sind gerade mal halb so alt. Das aber ficht sie nicht an. „Ich orientiere mich nicht an anderen und deren Karriereplanung.“ Viele würden ihrer Meinung nach viel zu früh aufhören. In Barcelona habe sie sich mit Freiwasser-Schwimmerin Angela Maurer unterhalten, die mit 38 Jahren WM-Silber über 25 Kilometer gewann. „Sie hat großartig gezeigt, dass zwischen Leistung und Alter kein direkter Zusammenhang besteht.“

Sie genieße es, 29 Jahre zu sein, sagt Brandt. „Damit bin ich flexibler im Handeln, erfahrener in allem, was ich tue, entspannter, bewusster. Mich wirft nichts mehr so schnell um.“ Das bedeute auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit. „Wenn mich das Schwimmen nicht mehr erfüllt, kann ich einfach aufhören.“ Daran sei freilich nicht zu denken. „Mein Sport macht zwar nicht immer Spaß, aber ich mache ihn aus purer Freude.“ Vom Aufstehen, übers Krafttraining, die Essenszubereitung, den Mittagsschlaf – alles gehöre dazu und verlange Nachdenken und Ideen. „Fühlt man sich weniger unter Druck, gelingt einem auch mehr.“

In ihrer Wahlheimat in Essen stimme alles, sagt Brandt. „Dort brennen sie total fürs Schwimmen, haben ein in sich schlüssiges Trainingssystem.“ Schon in Berlin habe sie viel gelernt, worauf sie aufbauen konnte. „Alles, was passiert ist, auch das, was nicht auf der Plusseite steht, war gut so. Es hat dazu beigetragen, dass ich jetzt die von heute bin.“ Fast alle, die sie kennen, halten sie für eine starke Persönlichkeit. Das prädestiniert sie zur Aktivensprecherin. Ein Amt, das sie schon mal aufgeben wollte, aber nun bereits seit Jahren inne hat. Ihr Engagement dafür, erzählt sie, habe auch etwas mit eigenen Erfahrungen zu tun. „Es hat nicht nur eine Situation gegeben, wo ich mich ziemlich alleingelassen gefühlt habe.“ Jetzt sagt sie: „Auf der Startbrücke steht man allein, aber aus dem Gefühl der Gemeinsamkeit kann man Stärke ziehen.“ Klaus Weise

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