Sport : Mit der zweiten Luft

Rainer Schüttler gewinnt bei den US Open das deutsche Duell gegen Nicolas Kiefer

Matthias B. Krause

New York. Über zwei Stunden sind gespielt, da bringt der dunkle Abendhimmel über Flushing Meadows unerwartete Hilfe für den strauchelnden Favoriten. „Ich weiß auch nicht, wo auf einmal der Rauch herkam“, sagte Rainer Schüttler später, „aber mit einem Mal kühlte es deutlich ab.“ Es war weniger Rauch als vielmehr Milliarden kleiner Wassertröpfchen, die sich beinahe wie Nieselregen anfühlten und das Atmen in der heißen New Yorker Sommernacht viel erträglicher machen. Schüttler bekam so die zweite Luft für seinen 6:1, 7:5, 2:6, 6:4-Erfolg gegen Nicolas Kiefer im deutsch-deutschen Duell bei den US Open. In Runde drei trifft Schüttler als letzter Vertreter des Deutschen Tennis Bundes auf den Spanier Albert Martin.

Der Platz zehn in Flushing Meadows ist an diesem Abend ein Zoo, auf dem auch manchmal Tennis gespielt wird. Die startenden Flugzeuge vom nahe gelegenen Airport La Guardia machen einen Höllenlärm, die Handys der Zuschauer klingeln unentwegs, und wenn sie abnehmen, brüllen sie in den Hörer, um den Krach zu übertönen. Gelegentlich schaut zur allgemeinen Erheiterung ein Eichhörnchen vorbei. „Was soll ich machen?", sagte Schüttler, als es überstanden war, „ich gehe halt auf den Platz und spiele. Man darf sich von äußerlichen Kleinigkeiten nicht ablenken lassen.“

Potenzielle Spielverderber gibt es nach seiner Erfahrung in New York auch außerhalb des grünen Tennisfeldes reichlich. Da kommt der Limousinen-Service nicht oder der Fahrer irrt ohne Ortskenntnis durch die Metropole. Und einen Trainingsplatz zu bekommen, ist Glückssache.

Schüttlers Verdrängungsmechanismen funktionieren mittlerweile so perfekt, dass er hinterher gar nicht so genau sagen konnte, wie er denn seine Leistung einschätze: „Da muss ich erst mal mit meinem Trainer sprechen, wie das Match war.“ Überragend? Ausgezeichnet? „Gutes Niveau, darauf können wir uns wohl einigen." Auf diesem Level spielt der in New York an acht gesetzte Deutsche praktisch seit Beginn des Jahres, als er bei den Australian Open bis ins Finale vorstieß.

Etwas überraschender war deshalb, dass Nicolas Kiefer so gut mitmischte. Der Dauerrekonvaleszent feuerte die Aufschläge mit bis zu 200 Stundenkilometern ins Feld, dass es eine Freude war, spielte über weite Strecken couragiert und ließ damit Erinnerungen an alte, bessere Zeiten aufkommen. Damals kletterte er immerhin bis auf Platz vier der Weltrangliste, doch im Augenblick kämpft Kiefer darum, wieder in die Top 50 zu kommen. Dafür geht er hart mit sich selbst ins Gericht. „Es ist schwer, einer Niederlage etwas Positives abzugewinnen“, sagte er zerknirscht, „ich bin enttäuscht, weil ich meine Chancen nicht genutzt habe.“

Vor allem leichte Fehler – Volleys, die im Netz landeten, Grundschläge, die ins Aus segelten – brachten ihn um den Lohn der Arbeit. Schon der erste Satz war enger, als es die Statistik vermuten lässt. Als Kiefer dann im zweiten Mut zum Risiko fand, Schüttlers Aufschlag präziser retournierte und gelegentliche Ausflüge ans Netz unternahm, zeigte das Wirkung.

Dauerläufer Schüttler kam gehörig ins Schwitzen, obwohl er sich in den Pausen mit einem Eishandtuch abzukühlen versuchte: „Zwischen den Spielen hat es einige Zeit gedauert, bis ich wieder Luft bekommen habe.“ Seinen Kontrahenten schienen die äußeren Bedingungen weniger zu belasten, vermutlich auch eine Folge der langen Akklimatisierung. Kiefer tingelt bereits seit sechs Wochen durch die USA. Außerdem, so betont er, habe er viel an seiner Fitness gearbeitet und vier bis fünf Kilogramm abgenommen.

„Der erste Satz ist einfach dumm gelaufen“, sagte Kiefer, „aber im zweiten habe ich gemerkt, dass er müder wird.“ Kiefer machte ab dem zweiten Durchgang deutlich mehr Druck. Immer häufiger blickte Schüttler hilfesuchend zu seinem Trainer Dirk Hordhoff auf. Der saß auf der Tribüne an der Stirnseite des Platzes und raunte seine Tipps hinter vorgehaltener Hand, um nicht des unerlaubten Coachings überführt zu werden. Schüttler brüllte vor Ärger und Kiefer punktete, doch am Ende reichte es für ihn wieder nicht.

Kiefer wird nun nach Brasilien reisen, Schüttler bleibt im New Yorker Chaos. Gegen Alberto Martin hat er bislang zweimal verloren, allerdings beide Male auf dem langsameren Sandbelag. Um sich für die Weltmeisterschaft in Houston zu qualifizieren, muss Schüttler noch ein Spiel gewinnen. Alles, was danach kommt, wäre eine willkommene Zugabe - und das einzige Rezept, seine herzliche Abneigung gegen New York ein wenig zu mildern.

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