Sport : Mit Elefanten-Hopsen zur Goldmedaille

Der Deutschland-Achter startet bei der WM als Favorit, obwohl er gegenüber der Konkurrenz einige Nachteile hat

von
Ziehen für Deutschland. Der Achter will seinen Weltmeistertitel verteidigen. Foto: p-a/dpa
Ziehen für Deutschland. Der Achter will seinen Weltmeistertitel verteidigen. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Die Leute im Deutschland-Achter haben im Training ein lustiges Spiel. Sie nennen es Elefanten-Hopsen. Sie bewegen sich dann zu einer gemeinsamen Choreografie. Wenn alles klappt, erinnert es an die einschüchternden Tänze der neuseeländischen Rugbyspieler vor einem Duell. Wenn es nicht klappt, tapsen ein Dutzend Hünen unkoordiniert über den Hallenboden. Lustig ist die Übung nur für Zuschauer, die Ruderer selber mögen die Aufführung nicht sonderlich. Aber sie ist nötig, die Hopserei dient der Feinabstimmung, im Boot müssen sie ja auch absolut synchron arbeiten.

Harmonie ist eine der Stärken des Deutschland-Achters, Harmonie und eine feine Technik. Es hat ja seinen Grund, dass der Deutschland-Achter seit 27 Rennen ungeschlagen und bei der Ruder-WM in Bled, Slowenien, ab Sonntag Goldkandidat ist. Wenn der Achter im Finale gewinnt, ist er zum dritten Mal in Folge Weltmeister. Es wäre der wichtigste dieser drei Titel. 2009 war ein nacholympisches Jahr, da zählt ein WM-Titel nicht sonderlich viel, aber in einem Jahr sind Olympische Spiele, 2011 ist ein extrem wichtiger Zeitpunkt. Man testet die eigene Form, man sendet der Konkurrenz Signale, am besten natürlich, man setzt sie mit diesen Signalen unter Druck. „Wir lassen uns auf dem Weg zu Olympiagold nicht stoppen“, das ist die Botschaft, die Bundestrainer Ralf Holtmeyer am liebsten senden würde.

„Wir gewinnen trotz unserer Nachteile“, das ist auch ein Teil der Wunschbotschaft. Die anderen, die internationalen Konkurrenten, sind stärker als die Deutschen, die Ergometer-Ergebnisse beweisen es. Beim Trockenrudern, bei den 2000-Meter-Tests, liefern die Deutschen keine Spitzenergebnisse, sie sind auch kleiner als viele Konkurrenten, auch leichter, und bei der Kondition gibt es im Vergleich zu den Top-Nationen auch noch Defizite. Aber sie haben ihre ungeheure Motivation und ihre Technik und ihr Feingefühl, die Deutschen. Die Crewmitglieder des Deutschland-Achters fassen mit ihren Riemen das Wasser schneller als früher, die Hünen im Deutschland-Achter geben mit vollgetauchtem Blatt dem Boot noch mehr Impuls, der Achter beschleunigt dadurch noch etwas mehr. Die Hünen setzen damit die Vorgaben von Chef-Bundestrainer Hartmut Buschbacher um. Einen einheitlichen Stil für alle Ruderer hat der deutsche Verband schon lange vorgegeben, aber erst Buschbacher, seit der Olympiapleite von 2008 im Amt, drängt auf eine konsequente Umsetzung.

Und dann ist da noch die Motivation der einzelnen Crewmitglieder. Sie bilden das Flaggschiff des deutschen Verbands, Ralf Holtmeyer sagt ihnen immer wieder, dass sie etwas Besonderes sind. „Damit müsst ihr leben“, sagt er auch. Aber er macht ihnen auch immer klar, dass sie ihre Prominenz dem Boot verdanken, in dem sie sitzen. Holtmeyer siebt rigoros aus, wenn jemand nicht seine Anforderungen erfüllt. „Wenn man nur Harmonie hat, landet man bei einer Thekenmannschaft“, sagt er. Bis jetzt geht es noch gut, dieses Ausbalancieren von Teamgeist und extremem Leistungsdruck. Aber zuletzt gab es schon hörbar Dissonanzen. Sebastian Schmidt hatte das Boot als Schlagmann zu zwei WM-Titeln geführt, aber im Juni wurde er in den Vierer versetzt. Stattdessen rückte Kristof Wilke auf Schlag. „Es wäre eine große Enttäuschung für mich, wenn ich nur im Vierer starten dürfte“, sagte Schmidt in einer ersten Reaktion. Aber Wilke bleibt an Bord, Schmidt startet auch bei der WM im Vierer.

Schmidt passt im Moment einfach nicht ins System. Das System Holtmeyer orientiert sich an einer einfachen Zahl: drei Sekunden. Der Deutschland-Achter soll bei 2012 drei Sekunden schneller sein als 2008. Eine enorme Herausforderung und verdammt viel Arbeit. Das Elefanten-Hopsen gehört dazu. „Wer das sieht, lacht sich kaputt“, hat Steuermann Martin Sauer mal gesagt. Er hat gut lachen. Er muss nicht mithopsen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben