Sport : Mit Energie

Wie der Körper 50 Kilometer Langlauf übersteht

Benedikt Voigt

Oberstdorf - Vom Brasilianer Helio Freitas ist bekannt, dass er sich beim Langlauf gerne einen Beutel um die Hüfte schnallt, in dem sich Walnüsse befinden. Während einer Übungsstunde vor ein paar Wochen durfte der Skilehrer Michael Klawitter von dem ungewöhnlichen Proviant kosten. „Die schmecken ein bisschen bitter“, sagt Klawitter. Gestern aber ließ Freitas seine Nüsse zu Hause.

Beim Rennen über 50 Kilometer der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Oberstdorf halfen fettreiche Nüsse niemandem. „Das ist wie ein Marathonlauf“, sagt der deutsche Mannschaftsarzt Ernst Jakob, „da brauchen die Langläufer keine Fette, sondern Kohlenhydrate, denn nach eineinhalb bis zwei Stunden ist der Vorrat verbraucht.“ Weil es gestern in der Loipe heftig schneite, benötigte der neue Weltmeister Frode Estil aus Norwegen sogar 2:30:10 Stunden für die außergewöhnlich kräftezehrende Strecke. Seine Landsleute Anders Aukland und Odd-Björn Hjelmeset liefen auf die Plätze zwei und drei. Andreas Schlüter kam nach einem couragierten Rennen auf Rang zehn, Franz Göring lief auf Rang 39. Durch den Neuschnee war die Strecke noch schwerer als sonst.

Die letzte Vorbereitung startete bereits fünf Tage vor dem Start, wenn die Läufer beginnen, ihren Kohlenhydratspeicher aufzufüllen und vermehrt Kartoffeln, Nudeln oder zum Frühstück Müsli essen. „Aber mehr als 2500 Kalorien kann kein Mensch speichern“, sagt Jakob. Während des Laufs werden die Kohlenhydrate langsam abgebaut. Gefährlich wird es, wenn keine neuen eingenommen werden. „Eine Unterzuckerung wirkt sich auf das Gehirn aus“, sagt Jakob. Das ist dann der so genannte Hungerast, der die Läufer torkeln lässt. Bekannt sind die Bilder der Schweizer Marathonläuferin Gabriela Schiess, die in diesem Zustand bei den Olympischen Spielen 1984 ins Ziel wankte.

Damit dies ihren Läufern nicht passiert, drängelten sich gestern die Betreuer alle fünf Kilometer an den Übergabestellen und reichten kohlenhydratreiche Getränke. „In den Flaschen sind acht Gramm Kohlenhydrate auf 100 Milliliter“, erklärt der deutsche Mannschaftsarzt. Das Getränk wies Körpertemperatur auf, manche bevorzugten bestimmte Geschmacksrichtungen, Blaubeere zum Beispiel. Schlüter kennt das Gefühl, an Hungerast zu leiden. „Man bekommt dann ein Hochgefühl, aber das hält nur kurz an.“ Wenn sich dieser Zustand einstellt, muss er schnell eine Banane essen. Gestern ließ Schlüter bei der Übergabe nach zwei Stunden versehentlich seine Flasche fallen. Ausgerechnet in der wichtigsten Phase. Ab Kilometer 40 sind alle gespeicherten Kohlenhydrate verbraucht.

Ein tschechischer Läufer zeigte sogar ein kleines Kunststück. Weil er bei einer Übergabestelle in der zweiten Spur lief, ließ er sich die Trinkflasche zuwerfen – und fing sie akrobatisch, obwohl an seinen Handgelenken zwei Stöcke hingen. Er wusste offenbar, wie wertvoll diese Flasche für ihn war.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben