Sport : Mit Freunden feiern

Mineiro bewahrt mit seinem Tor Hertha BSC vor Grübelei und beschert sich einen perfekten Start

Stefan Tillmann

Berlin - Der neue Star passt nicht zum neuen Konzept. Mineiro ist 31 Jahre alt, er kommt von weit weg, aus Brasilien, und als Defensiv-Allrounder verspricht er eigentlich keinen Erlebnisfußball. Herthas Manager Dieter Hoeneß, der so gerne auf flotte Jugendliche aus der Region setzt, konnte das erst einmal egal sein: Mit dem Siegtreffer in der Nachspielzeit zum 2:1 gegen den Hamburger SV, einem Schuss aus 25 Metern, drehte Mineiro ein wichtiges Spiel. Nach der 0:5-Niederlage in Hannover sah Hoeneß neue Perspektiven: „Wir sind näher an Platz drei herangerückt.“

Mineiro schien der Trubel unangenehm. An seinem vierten Tag in Deutschland musste der zierliche Mittelfeldspieler gleich mehr Menschen umarmen als andere in ihrem ganzen Leben, darunter gewichtige Figuren wie Herthas Maskottchen Herthinho. Immer wieder umringten ihn Reporter, der 1,70-kleine Brasilianer verschwand hinter Kameras und Mikrofonen und lauschte verschüchtert den Worten seines Dolmetschers. „Es war ein besonderes Spiel“, sagte er ohne zu lächeln. „Für mich ist wichtig, dass ich der Mannschaft helfen kann.“

Am vergangenen Mittwoch hatte er noch verfroren auf der Tribüne gesessen und musste sich über die grausige Vorstellung seiner Kollegen gewundert haben. So stellt sich ein dreimaliger brasilianischer Nationalspieler seine erste Station in Europa nicht vor. Und als er am Samstag in der 69. Minute für Malik Fathi eingewechselt wurde, lagen die Berliner erneut 0:1 zurück: Sie drohten in eine Krise zu schlittern und nach langer Zeit den fünften Platz an Nürnberg zu verlieren. Fathi hatte sich über seine Auswechslung geärgert: „Ich wollte meinen Fehler zum 0:1 wieder gutmachen.“ Nach dem Spiel konnte sich der 23-jährige Linksverteidiger beim erfahrenen Mineiro bedanken, dass er seinen Ballverlust fast vergessen ließ.

„Wir brauchten jemanden, der sofort helfen kann“, hatte Hoeneß nach der Verpflichtung gesagt und konnte nach dem Spiel darüber schmunzeln. „So ein Einstand ist natürlich unfassbar.“ Mineiro wird schnell ins Team finden, zumal in Kevin-Prince Boateng und Sofian Chahed zwei junge Mittelfeldspieler verletzt fehlen. Darüber hinaus schwankten die Leistungen der jungen Spieler in der Hinrunde enorm. Trainer Falko Götz kann Mineiro ruhigen Gewissens als „ballsicher und erfahren“ loben. Eine Abkehr vom Jugendkonzept will Hertha jedoch nicht sehen, schließlich wechselte Götz die jungen Chinedu Ede und nach über zwei Jahren Christian Müller ein, die ebenfalls Torchancen hatten.

Mineiro konnte sich gut auf seinen neuen Verein vorbereiten. Vor drei Jahren hatte Hertha erstmals Kontakt aufgenommen. Sein damaliger Teamkollege bei Sao Caetano, Gilberto, wechselte damals nach Berlin. Mineiro blieb im Notizblock von Herthas Späher Rudi Wojtowicz. Mineiro hat den Weg Herthas verfolgt. „Mit Gilberto habe ich regelmäßig telefoniert. Herthas Entwicklung hat mich interessiert, zumal Landsleute wie Gilberto und Marcelinho Erfolg hatten.“

Die Probleme des Exzentrikers muss er wohl nicht fürchten. „Ich mag keine Starallüren“, gab er gestern brav an. Dass er am Samstagabend bereits Freunde besaß, mit denen er den Sieg gefeiert hatte, wie er erzählte, ließ Götz nur kurz aufhorchen. Seine Familie mit drei Kindern komme bald nach. Von Spielweise und Typus ähnelt er seinem ruhigen Freund Gilberto. Dieser erzielte 2004 im ersten Spiel für Hertha gleich den ersten Saisontreffer. Ein Jahr später traf auch Marko Pantelic in seinem ersten Spiel.

„Wenn er Tore macht, sind sie wichtig“, sagt Gilberto über Mineiro, der bis 2008 unterschrieb. 2005 traf er im Weltpokalfinale zum 1:0-Siegtreffer für Sao Paulo gegen den FC Liverpool. Vielleicht konnte er den Wirbel um einen 2:1-Treffer gegen den Tabellenletzten auch deshalb nicht ganz verstehen.

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