Sport : Mit Gewehr und Schneekanone

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Friedhard Teuffel über die neuen Jahreszeiten des Sports

Früher gab es im Sport zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter. Sommer war, wenn die Leichtathleten liefen, und Winter, wenn die Skifahrer fuhren. Dann wurden die Jahreszeiten miteinander verbunden: Es gab Sommerwinter. Das war, wenn die Leichtathleten in der Halle liefen, und Wintersommer, wenn die Skispringer mitten im Juni auf Matten landeten.

Damit nicht genug. Auf einmal kamen neue Jahreszeiten hinzu. Die Winterpause zum Beispiel. Für diese Jahreszeit wurde eine eigene Sportart erfunden: der Hallenfußball. Er fand nicht im Wintersommer statt, denn er hatte keine eigene Saison wie die Leichtathletik, sondern nur ein paar blöde Turniere. Beim Hallenfußball waren immer die Spieler gut, die sonst auf der Ersatzbank saßen. Die besten dagegen standen nur an der Bande herum und lästerten. Jeder erzählte von hoher Verletzungsgefahr, und manche von ihnen hatten statt schwarzer Fußballschuhe weiße Tennisschuhe an. Das alles deutete darauf hin, dass dieser Winterpausensport mit Fußball nichts zu tun hatte.

Vor zwei Jahren verzichtete schließlich der Deutsche Fußball-Bund auf seinen gefürchteten Hallenpokal, und inzwischen fallen nur noch wenige Zuschauer auf den Mogelslogan herein, Hallenfußball sei „Budenzauber“. Dafür gibt es seit dem vergangenen Jahr eine neue Disziplin: das Fußballstadionbiathlon. Es funktioniert so: Erst kommen die Schneekanonen und füllen das ganze Stadion mit Kunstschnee, dann laufen die Biathleten mit ihren Gewehren und schießen. Das wollten am Samstag 50 000 Zuschauer sehen, die Arena Auf Schalke war ausverkauft.

Im Grunde ist auch das Fußballstadionbiathlon eine Winterpausensportart. Die Olympiasiegerin Uschi Disl sagte nämlich, es handele sich um eine eigene Disziplin, die mit dem Weltcup nichts zu tun habe. Aber das macht nichts. Die Zuschauer haben ihren Spaß, die Veranstalter ihre Einnahmen, die Sportler ihr Training und die Medien ihr Event. Ohnehin tut sich der Wintersport leichter, in andere Jahreszeiten vorzustoßen und sich selbst neu zu erfinden. Es ist zu erwarten, dass dieser Trend erst einmal anhält, mindestens bis zur nächsten „Zurück zur Natur“-Bewegung. Künstlichen Schnee mögen die Zuschauer wohl. Die Langlaufsaison ist in diesem Jahr in Düsseldorf am Rheinufer eröffnet worden – vor 200 000 Zuschauern. Das war mitten im Oktober, als in deutschen Mittelgebirgen noch Herbstwanderungen stattfanden. Der neue Sportkalender zeigt also: Fußball muss echt sein, Biathlon und Langlaufen nicht.

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