Sport : Mit kurzer Hose im Schnee

Trotz Verwicklung in den Wettskandal spielt Torwart Masic selbstbewusst

Frank Bachner[Dresden]

Ganz vorne streckten sie die Hände durch das Gitter. Adnan Masic stapfte über einen Schneehaufen, dann klatschte er sechs, sieben Handflächen ab. Er löste die Kreppbänder seiner Torwarthandschuhe und warf sie über das Gitter in den Block. Dorthin, wo die Fans der Sportfreunde Siegen standen. Sekunden später kamen andere Siegener Fußball-Profis an den Zaun. Aber sie fanden keine Hände zum Abklatschen, sie starrten in ausgestreckte Mittelfinger und hörten den wütend gebrüllten Satz: „Wir haben die Schnauze voll.“ Siegen hatten gerade in der Zweiten Bundesliga im Dresdner Harbig-Stadion 0:1 gegen Dynamo Dresden verloren.

Aber die Fans unterschieden gestern sehr genau zwischen farblosen Verlierern und Kämpfern, und Adnan Masic, der Torwart, gehörte für sie zu den Kämpfern. Aber die Geste für den Bosnier hatte auch ein bisschen mit Solidarität zu tun. Masic ist in den jüngsten Wettskandal verwickelt. Der 30-Jährige kennt einen der mutmaßlichen Drahtzieher, die offenbar versuchten, Spiele zu manipulieren und die nun verhaftet wurden. Das Landeskriminalamt (LKA) hatte Masic’ Wohnung und sein Fahrzeug durchsucht. Zwei Kripobeamte hatten ihn zum Spiel Hansa Rostock gegen Siegen befragt, das Rostock am 26. Februar 2:0 gewann. Das LKA hat den Verdacht, dass die Partie manipuliert worden ist. Oder zumindest, dass es einen Manipulationsversuch gegeben hat.

Wie würde Masic spielen unter diesem Druck? Wie würden ihn die Fans behandeln? Das waren die Fragen am Sonntag. Masic spielte, als wäre nichts vorgefallen. Er lieferte mehrere Paraden ab und machte keine erkennbaren Fehler. Er wirkte selbstbewusst, stand bei dichtem Schneetreiben in kurzen Hosen und mit hochgezogenen Ärmeln im Tor. Als er noch lange Hosen angehabt hatte, hatten ihm einige der 300 Siegener Fans mehrfach nachgerufen: „Adnan Masic.“ Das war vor dem Anpfiff, in der Aufwärmphase. Und da war klar, dass sich keine Distanz zwischen Fans und Torhüter entwickelt hatte.

„Masic ist der beliebsteste Spieler in Siegen“, sagt Andreas, 21 Jahre alt, Großhandelskaufmann. Er hat den Fan-Schal von Siegen kunstvoll um den Hals geknotet. „Er ist ein toller Torwart, er geht auch nach Niederlagen zu den Fans.“ Andreas kann wie die anderen Siegener Fans nicht glauben, dass Masic in den Skandal verwickelt ist. Diese Einstellung demonstrieren sie auch während des Spiels. Masic, der Torwart, wird bei seinen Aktionen gar nicht besonders gefeiert – so, als wäre der Gedanke, dass er in den Manipulationsverdacht verwickelt sein sollte, zu abwegig, als dass man ihn demonstrativ unterstützen müsste. Die einzige Reaktion ist Ironie: Holger, 36 Jahre alter Siegener Fan, zieht in der Halbzeit am Bierstand die Augenbrauen hoch und sagt grinsend: „Das Tor? Klar, ein Wettskandal.“ Masic hatte bei einem Freistoß von Dresden den Ball berührt, ihn aber nicht abgewehrt und das Siegtor der Sachsen nicht verhindert.

Doch so lange Masic nicht als Betrüger entlarvt wird, so lange ist sein Status bei den Fans ungefährdet. Im Gegenteil: dieser Status wird eher noch gefestigt. Andreas, der Siegener Fan, sagt: „Bei Adnan ist es wie bei Tim Wiese, dem Bremer Torwart, der gegen Juventus Turin diesen unglücklichen Fehler gemacht hat. Man rückt einfach mehr zusammen.“

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