Sport : Mit links ins Glück

Lukas Podolski muss im ersten Gruppenspiel im Mittelfeld spielen – und schießt zwei Tore. Das 2:0 gegen Polen ist der erste Sieg einer deutschen Mannschaft bei einer Europameisterschaft seit 1996

Michael Rosentritt[Klagenfurt]

Dreißig Sekunden dauerte es, bis sich die Zweifler an der Abwehrformation der deutschen Nationalmannschaft ein wenig bestätigt sehen konnten. Torwart Jens Lehmann prallte bei der ersten Flanke der Polen mit Innenverteidiger Per Mertesacker zusammen und klärte eher glücklich als gekonnt. Diesen Schreckmoment verarbeiteten die Deutschen aber sehr schnell, und am Ende eines über weite Strecken überzeugenden Spiels hatte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ihr erstes Gruppenspiel bei dieser Europameisterschaft durch zwei Tore von Lukas Podolski 2:0 (1:0) gegen Polen gewonnen. Es war der erste Sieg der Deutschen bei einer Europameisterschaft seit dem Finale 1996 und insgesamt das 16. Aufeinandertreffen beider Länder. Noch nie hat Deutschland gegen Polen verloren.

Zuletzt hatten Deutschland und Polen bei der Weltmeisterschaft 2006 in Dortmund gegeneinander gespielt, als Oliver Neuville in der Nachspielzeit das 1:0 schoss, das war die emotionale Geburtsstunde des Sommermärchens.

Seitdem haben sich beide Nationalmannschaften weiterentwickelt, und in den Tagen vor dem Spiel merkte das deutsche Trainerteam mehrfach an, wie offensivstark die Polen inzwischen geworden seien. „Polen ist der schwerste Gegner in unserer Gruppe“, hatte Bundestrainer Joachim Löw vorher gesagt. Wenn das stimmt, muss sich die deutsche Mannschaft aber keine Sorgen um das Erreichen des Viertelfinales machen. Sehr viel war von der Stärke der Polen gestern nicht zu sehen – vor allem aber wohl deshalb, weil die deutsche Mannschaft wach, gut oranisiert und engagiert nach vorne spielte.

Mittags hatte sich die Mannschaft mit einem Video auf das Turnier eingestimmt. Der Film zeigte ein Best of der Erfolge deutscher Nationalmannschaften aus den Jahren von 1974 bis 2006, teilweise untermalt von emotionaler Musik. Im Stadion erwartete sie dann viel rot-weiß, die polnischen Fans waren bei der Beschaffung einer der 30 000 Karten offensichtlich erfolgreicher als die Deutschen.

Emotional stabil war die Mannschaft dann auf dem Platz. Vier Minuten nach dem ersten Schock und der verunglückten Abwehr von Lehmann hatten die Deutschen ihre erste große Chance. Miroslav Klose lief frei auf das Tor zu, seinen Querpass verpasste der mitgelaufene Mario Gomez aber knapp. Klose und Gomez stürmten gemeinsam, im Mittelfeld hatte Löw sich für eine offensive Ausrichtung entschieden und auf der linken Seite Lukas Podolski (siehe nebenstehenden Text) aufgeboten. Rechts spielte Clemens Fritz, für Bastian Schweinsteiger blieb nur ein Platz auf der Bank.

In der Abwehrarbeit stellten die Deutschen inklusive Christoph Metzelder sehr diszipliniert die Räume (mit einer zweiten Viererkette im Mittelfeld) zu, bis auf eine scharfe Flanke von Wojciech Lobodzinski hatten die Polen zunächst nichts zu bieten. Gefährlich wurden es nur bei der zweiten Unsicherheit von Lehmann, als er sich nach einem Pass uneins mit Mertesacker war und in den Ball hineinrutschte, ihn aber nicht festhalten konnte.

Nach zwanzig Minuten ging dann die Deutschen in Führung. Wieder lief Klose frei auf das Tor zu, nachdem die Polen auf Abseits gespielt hatten, der Pfiff aber ausblieb, obwohl Klose ganz knapp im Abseits zu sein schien. Wieder legte er den Ball uneigennützig quer, und der in Polen geborene Podolski verwandelte die Vorlage des in Polen geborenen Klose zum 1:0. Deutschland bleib überlegen, Polen kam aber etwas besser ins Spiel. Vor allem Lobodzinski bereitete auf der linken Abwehrseite Marcell Jansen einige Probleme, und nach einer seiner Hereingaben hätte Maciej Zurawski beinahe den Ausgleich erzielt, er zielte aber einen Meter vorbei. Fünf Minuten vor der Pause vergab Gomez noch eine der wenigen klaren Chancen, die die Deutschen trotz ihrer Überlegenheit nur hatten.

Nach der Pause schien die deutsche Mannschaft etwas ihre Spannung und auch ihre Organisation verloren zu haben. Auch der letzte Pass in die Spitze kam nicht genau. Schon zehn Minuten nach dem Wechsel brachte Löw Schweinsteiger für Fritz, um die Offensive und das Engagement zu stärken. Die Polen entwickelten jetzt Druck, ihrer einzigen Spitze Ebi Smolarek wurden ein Treffer wegen Abseits nicht anerkannt.

2006 hatten die Deutschen lange gezittert, bis endlich das 1:0 fiel. Dieses Mal schien es so, als müssten sie zittern, bis sie endlich das 1:0 sicher haben. Doch dann befreiten sich die Deutschen wieder, zunächst scheiterte Michael Ballack, der gestern nicht so offensiv spielte, mit einem Schuss an Torhüter Artur Boruc.

Kurz darauf erlöste dann Podolski die Deutschen mit seinem zweiten Tor. Die Vorarbeit leistete wieder Klose – wenn auch unfreiwillig, als er im Sechzehnmeterraum über den Ball trat.

Das Spiel war entschieden, auch wenn sich Polen noch nicht aufgab. Am Ende durfte Jens Lehmann noch eine Parade zeigen, als er einen Kopfball von Marek Saganowski aus kurzer Distanz abwehrte. Jetzt war auch er gut in das Turnier gestartet.

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