Sport : Mit List und Lücke

Herthas Liquidität ist auf Jahre gesichert, sagt Manager Dieter Hoeneß – dazu müssen einige Bedingungen erfüllt werden

Sebastian Bickerich

Berlin - Dieter Hoeneß brachte es auf den Punkt, am Montagabend auf der Mitgliederversammlung von Hertha BSC: „Wir haben eine Kreativität entwickelt, Krisen zu meistern.“ Diese an sich auf die sportlich durchwachsene Saison gemünzte Analyse des Hertha-Managers kann man getrost auch auf die Finanzlage des Bundesligisten beziehen. Denn die Einzelheiten, die Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller über die Lage des Vereins offenbarte, zeigen einerseits ein krisenhaftes Bild: So werden die Hertha-Schulden, bisher auf 44,12 Millionen Euro taxiert, bis zum Ende des Bilanzjahres 2005/06 auf 48,9 Millionen Euro steigen. Andererseits sprechen die Planungen bis 2010 für finanzielle Kreativität – mit einem unternehmerischen Risiko, das Banken und Wirtschaftsprüfer als nicht zu hoch einschätzen.

Woher kommen die höheren Schulden?

Das laufende Geschäftsjahr der „Hertha BSC KGaA“ lief deutlich schlechter als im vergangenen Jahr erwartet. Vor allem wegen der schwächer als erwartet verlaufenen Stadionvermarktung – im Bereich der Business-Sitze und im mittleren Preissegment verfehlte der Absatz die Erwartungen – kam Hertha zu einem Fehlbetrag von 13,6 Millionen Euro. Auch die sportliche Durststrecke in der Saisonmitte drückte auf die Einnahmen.

Steht der Verein vor der Insolvenz?

Nein. Manager Hoeneß geht sogar so weit, zu behaupten, den Schulden stünde ein „Hertha-Markenwert“ von 100 bis 150 Millionen Euro gegenüber. Das ist allerdings weder im Bilanzrecht noch bei der Lizenzierung eines Fußballklubs bei der DFL eine gültige Größe. Gültig ist dagegen die Höhe der persönlichen Zuwendungen, die Hoeneß und Schiller stunden: 510 000 Euro im Jahr. Dieses „Zeichen“, wie Hoeneß es nennt, gilt unter Finanzexperten zwar als Krisensignal, das für Liquiditätsprobleme spricht. Hertha kann aber eine weitere Verschuldung aus eigener Kraft verhindern: wenn der Fußballklub in den kommenden vier Jahren die mit seinen Gläubigerbanken im März vereinbarten Kennziffern erreicht.

Wie will Hertha aus der Krise kommen?

Erstmals bekamen die Hertha-Mitglieder bei der Mitgliederversammlung einen Prospekt mit detaillierten Informationen über die finanzielle Lage des Vereins in die Hand. In der Bundesliga übrigens ist das in dieser Form eine Premiere: Beispiellos detailliert gibt der Verein Auskunft über das Geschäftsgebaren in den kommenden Jahren. Mit 2,2 Millionen Euro will Hertha in der Saison 2007/08 erstmals wieder Gewinne machen – und damit einen Teil seiner Verbindlichkeiten zurückzahlen. Die Gewinne will Hertha bis 2009/10 auf dann 13 Millionen Euro steigern. Den deutlichen Gewinnsprung begründet Hertha mit geringeren Ausgaben nach Auslauf eines Leasingvertrages für Sitze und Logen zum 30. Juni 2008 und mit einer Ersparnis aus dem Ende eines Vertrags mit Sportfive zum 1. Juli 2009. Beides hat der Bundesligist dringend nötig, will er wie geplant seine Gesamtschulden bis 2010 auf 20,1 Millionen Euro verringern.

Welche Rolle spielen die Einnahmen durch den neuen Trikotsponsor Deutsche Bahn?

Sie sind zumindest mit dafür verantwortlich, dass Hertha im kommenden Geschäftsjahr mit einer nahezu ausgeglichenen Gewinn- und Verlustrechnung planen kann. Der Sponsorenvertrag mit der Deutschen Bahn AG bringt inoffiziell in den kommenden drei Jahren jeweils bis zu acht Millionen Euro pro Saison – etwa 1,5 Millionen Euro mehr als momentan der Vertag mit dem bisherigen Trikotpartner Arcor. Weitaus bedeutender für Hertha sind aber die höheren Einnahmen aus dem Liga-Fernsehvertrag mit dem Kabelkonsortium Arena, die dem Bundesligisten ab der kommenden Saison über sechs Millionen Euro mehr pro Spielzeit einbringen sollen.

Hertha bezeichnet die Finanzplanung der nächsten vier Jahre als konservativ. Was bedeutet das genau?

„Die Liquidität ist auf Jahre gesichert“, hat Manager Hoeneß den Mitgliedern des Fußballklubs am Montagabend versichert. Das wird aber nur dann funktionieren, wenn Hertha „moderate Steigerungen“ bei Spiel- und Werbeerträgen erreicht, durchschnittlich Platz sieben schafft und 50 Punkte pro Saison holt. Mit dem Erreichen des internationalen Geschäfts rechnet Hertha dabei ebensowenig wie mit Transfererlösen – eine tatsächlich verhaltene Einschätzung. Entscheidend bei diesen Berechnungen sind aber auch hier die Fernseheinnahmen. Diese Einnahmen würden bei einer schlechteren Durchschnittsplatzierung als Rang wegen einer erfolgsabhängigen Staffelung in den Verträgen sinken. Hertha müsste als kleinen Trost dann allerdings auch geringere Punktprämien zahlen.

Die Mitgliederversammlung hat Satzungsänderungsanträge der so genannten Opposition mit großer Mehrheit abgewiesen. Wird ihr Einfluss überschätzt?

Nein. Vor allem der hertha-kritische Wirtschaftsprüfer Otto Schulz hat die neue Transparenz der Vereinsführung durch beharrliche Antragsarbeit bei der letzten Mitgliederversammlung überhaupt erst ermöglicht. In diesem Jahr überzeugte jedoch die finanzielle Vorausschau der Hertha-Führung die Zuhörer so sehr, dass sie teils als plakativ empfundenen Anträgen einiger Oppositioneller – etwa zu einer pauschalen Abwahl des Aufsichtsrats – nicht zustimmen wollten. Die Rivalen Schulz und Schiller haben sich im übrigen am 23. Juni gemeinsam zu einem Seminar am Institut für Rechnungswesen der Humboldt-Universität angemeldet. Es trägt den Titel: „Et hätt noch immer joot jejange: Fußball, Bilanzen und Kapitalmarkt.“

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