Sport : Mit Medaillen zurückzahlen

Benedikt Voigt

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, dass Anni Friesinger demnächst in einem Schwimmbecken um olympische Medaillen kämpft. Oder als Beachvolleyballerin an einem Strand. An eine Eisschnellläuferin denkt man jedenfalls nicht angesichts der vielen Fotos, die zurzeit in Sport- oder Programmzeitschriften kursieren und auf denen sie Bikini zeigt - oder noch weniger. Auch von Sylke Otto existieren Bilder, auf denen sie viel Haut zur Schau stellt. So viel, dass sich "Sportbild" zu folgender Bildunterschrift veranlasst sah: "Die Frau mit dem größten Gefühl im Po. Gleitet am besten, hat eine ausgeprägte Kurventechnik mit sanften Gewichtsverlagerungen." Spätestens jetzt gilt es zu erwähnen, dass Sylke Otto rodelt. Sie übt damit eine Sportart aus, die mit Erotik genau so viel zu tun hat wie Mormonen mit Alkohol. Nichts.

Doch all das muss ein moderner Olympiateilnehmer tun, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Sponsoren zu erlangen. Eine Medaille allein dürfte nicht reichen, insbesondere wenn man aus Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen Deutschland stammt. Die deutsche Mannschaft soll bei den heute beginnenden Olympischen Winterspielen in Salt Lake City so viele Medaillen holen wie keine andere Nation. "Nach den Ergebnissen dieser und der vorletzten Saison kann sich doch jeder ausrechnen, dass wir in der Medaillenwertung um Platz eins kämpfen werden", sagt Walther Tröger. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Deutschlands erinnert an die Spiele in Nagano vor vier Jahren, als eine gesamtdeutsche Mannschaft zum zweiten Mal nach Albertville die Nationenwertung anführte. 1998 sammelten die deutschen Wintersportler insgesamt 29 Medaillen, darunter 12 goldene.

Das amerikanische Magazin "Sports Illustrated" traut dem deutschen Olympiateam in Salt Lake City jetzt sogar 17 Goldmedaillen zu. Eine Wertung hat das deutsche Team bereits jetzt gewonnen. Mit 162 Teilnehmern präsentiert es sich als größte Wintersportnation. Deutschland, ein Land der Rodler, Bobfahrer und Skispringer?

Mindestens was diese drei Sportarten angeht, stimmt das. Nur im Freestyle, profaner lange Zeit auch als Trickski bekannt, konnte sich kein deutscher Sportler für die Olympischen Spiele qualifizieren. Abgesehen von Curling, Eishockey, Short Track und Eiskunstlaufen haben deutsche Sportler aber in jeder anderen Disziplin gute Medaillenchancen.

Beispielhafte Nachwuchsarbeit

Im Rodeln der Frauen oder Bobfahren der Frauen ist die Überlegenheit so groß, dass sich wohl nur die Frage stellt, welche Deutsche sich die Goldmedaille abholen wird: Sylke Otto oder Silke Kraushaar oder Sandra Prokoff. Das Rodeln nennt Rolf Ebeling vom Bundesausschuss Leistungssport in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" "eine unglaubliche Erfolgsgeschichte". Auch andere Wintersportarten könnten als Vorbild für weniger erfolgreiche Sommerdisziplinen gelten. Die deutsche Nachwuchsarbeit in der Nordischen Kombination oder im Skispringen ist beispielhaft.

Es zeigt sich, dass das deutsche Sportsystem mit den Olympiastützpunkten, der Sportförderung im Wintersport und vor allem auch dem Arbeitgeber Bundeswehr funktioniert (siehe dazu auch Seite 22). Fast 200 Millionen Euro sind im Etat der Bundesregierung für den Sport ausgewiesen. Nun kommen die 17 Tage, in denen der Sport wieder etwas davon zurückzahlen kann: in Medaillen.

"Ich halte Gastgeber USA und Russland für die stärkste Konkurrenz", sagt Walther Tröger. Die USA, die sich in Nagano mit 13 Medaillen auf Rang fünf in der Nationenwertung wiederfanden, haben sich für die Heimspiele in Salt Lake City ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Das Olympische Komitee der USA möchte mindestens 20 US-amerikanische Medaillen zählen. Scott Blackmun vom amerikanischen NOK sagt: "Wenn wir am Ende 19 Medaillen holen, bin ich enttäuscht." Die Zeitung "USA Today" glaubt sogar an 28 Medaillen.

Seit den Spielen von Nagano haben die USA 18 Millionen Dollar in ihr Förderprogramm "Podium 2002" gesteckt, doch am meisten bauen die US-Amerikaner auf den Heimvorteil. "Sports Illustrated" hat herausgefunden, dass die gastgebenden Nationen sich seit den Olympischen Spielen 1932 in Lake Placid immer im Vergleich zur vorhergehenden Olympiade verbessert haben. Doch reicht das, um die Deutschen vom ersten Platz der Nationenwertung zu verdrängen?

Know-how aus der DDR

Die Überlegenheit der deutschen Wintersportler wird besonders in technischen Disziplinen, wie es die meisten Wintersportarten sind, augenscheinlich. Das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin sorgt mit seinen Kreationen gelegentlich für die entscheidende Hundertstel Vorsprung. Neben Anni Friesinger zählen auch die meisten deutschen Bobfahrer, Rodler und Skeletonfahrer zu den Kunden des FES. Das Institut war schon Bestandteil des DDR-Sports und verfügt über das nötige Know-how zum Forschen und Entwickeln neuer Sportgeräte. Zudem kommen Tüftler wie der Bobfahrer Christoph Langen oder der Rodler Georg Hackl, die nächtelang an ihren Sportgeräten herumdoktorn können. Einen Teil ihres Vorsprungs holen sie sich schon in der Werkstatt.

Für den dreimaligen Goldmedaillengewinner Hackl sind es bereits die fünften Olympischen Spiele. Ein richtiger Star ist der Bayer trotzdem nicht. Er wird eher belächelt. "Kann sein, dass man sich besser verkaufen muss, aber das wollte ich nie", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Deswegen gibt es wohl von mir auch noch keine Nacktfotos."

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