Sport : Mit neuer Qualität

Die deutsche Mannschaft hat bei den Paralympics überzeugt und freut sich über mehr Aufmerksamkeit

Annette Kögel[Athen]

Die Bilanz der deutschen Mannschaft ist imposant. Und sie wurde gestern von Woytek Czyz am vorletzten Tag der 12. Paralympics in Athen mit einer weiteren Goldmedaille noch einmal aufgewertet: 19 Gold-, 27 Silber- und 31 Bronzemedaillen. Der oberschenkelamputierte Wattenscheider gewann nach den 100 m und den 200 m auch den Weitsprung und übertraf dabei seinen eigenen Weltrekord von 5,85 m mit 6,23 m ganz enorm. Zuvor hatte Radfahrer Michael Teuber aus München im Zeitfahren nach dem Titel auf der Bahn sein zweites Gold in der Verfolgung. Bei der Schlussfeier wird Czyz die deutsche Fahne tragen. Durch sein drittes Gold erreichte das Team mit Rang acht den angestrebten einstelligen Platz in der Nationenwertung. „Mit diesem Ergebnis hat sich die deutsche Mannschaft im Vergleich zu Sydney gesteigert und in Athen exzellent präsentiert“, lobte Karl Quade, der Teamchef.

Trotz des sportlichen Erfolgs war auch seine Stimmung nach dem Busunfall im Norden Griechenlands, bei dem sieben Schüler ums Leben kamen und über 30 zum Teil schwer verletzt wurden, sehr getrübt. „Das ist ein trauriger Tag für uns alle“, sagte Quade. Die Verunglückten waren auf dem Weg zu den Wettkämpfen ins Olympiastadion. Gefeiert wird deswegen heute in Athen nicht, die Abschlusszeremonie wird ohne Showeinlagen in verkürzter Form durchgeführt.

Qualität statt Quantität – das Rezept des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) ist aufgegangen. Wegen der neuen Klassifizierungen der Wettbewerbe gab es bei dieser „Paraolympiada“, wie die Griechen sagen, mit 525 Entscheidungen 50 weniger als in Sydney. Das deutsche Team musste infolge der härteren Qualifikationen mit 41 Athleten weniger antreten als in Australien. „Dennoch haben wir besser abgeschnitten als in Sydney“, sagte DBS-Sprecher Arno Schade. Immer wieder wurde die deutsche Fahne unter griechischer Sonne hochgezogen. 26 Medaillen und Kränze aus Olivenzweigen bekamen allein Athleten mit Handicap umgehängt, die zum ersten Mal bei Paralympics dabei waren – knapp die Hälfte der Mannschaft. Der 20-jährige Radsportler Tobias Graf gehört dazu, er holte Silber in der Bahnradverfolgung. Sehr erfolgreich schnitten auch die Frauen bei der Judo-Premiere mit je zweimal Gold und Bronze sowie einmal Silber. Aber auch Paralympics-Altstars wie Marianne Buggenhagen aus Berlin oder Schwimmerin Kirsten Bruhn hoben das Niveau im deutschen Team.

Schade zufolge hat sich auch die „Top-Team-Förderung“ bewährt: 25 Sportler hatten erstmals ein halbes Jahr vor den Spielen die Chance, fürs Training freigestellt zu werden. 40 Prozent der Ausfallkosten für den Arbeitgeber trugen Sporthilfe, DBS und die SEB-Bank als Sponsor. Das Konzept soll für Peking 2008 ausgebaut werden. Beim Leistungssport von Menschen mit Behinderungen sei man zudem, „was das öffentliche Interesse angeht, in neue Dimensionen vorgestoßen“, sagte Quade. Der Besuch von Bundespräsident Horst Köhler habe die Sportler beflügelt, und auch die Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei den Paralympics habe den Wettstreit der 3800 Sportler aus 136 Ländern in der Wahrnehmung aufgewertet.

Der DBS will nun neue Sponsoren akquirieren, das Budget ist schmal: Die Briten haben allein drei Millionen Euro staatliche Unterstützung für ihre Schwimmer zur Verfügung, die australischen Radfahrer bekommen eine Million Euro. Der Etat aus dem Bundesinnenministerium für das gesamte deutsche Team lag 2004 bei 1,5 Millionen Euro – er soll nächstes Jahr gekürzt werden. Ob sich so der sportliche Aufwärtstrend von Athen fortsetzen lässt, erscheint zweifelhaft.

Zum Busunglück siehe auch Seite 28

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