Sport : Mit offenen Augen schlafen

Thomas Bach überzeugt bei seiner Wahlrede vor den IOC–Mitgliedern und gilt weiter als Favorit für das Präsidentenamt.

Lausanne - Diese 15 Minuten wird Thomas Bach so schnell nicht vergessen. Hochzufrieden und erleichtert verließ der Kandidat auf das Präsidentenamt beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nach seiner Präsentation das Lausanner Kongresszentrum Beaulieu. In einer sehr persönlichen Rede auf Englisch, Französisch und Spanisch hatte der 59-Jährige am Donnerstag seinen IOC-Kollegen die Eckpunkte seines Wahlprogramms „Einheit in Vielfalt“ und erklärt und für eine Anekdote sogar langen Applaus erhalten.

„Ich bin sehr glücklich. Heute war ein wichtiger Schritt, nicht mehr und nicht weniger“, sagte Bach. „In diesem Wettkampf zählt nur die Goldmedaille.“ Der IOC-Vizepräsident geht im Sechskampf um das wichtigste Amt des Weltsports als Favorit in die letzten 68 Tage vor der Abstimmung am 10. September in Buenos Aires, aber auch sein härtester Rivale Richard Carrion aus Puerto Rico hat am Donnerstag überzeugt.

Erstmals in der IOC-Geschichte durften die sechs Kandidaten eine Viertelstunde lang ihre Führungsqualitäten präsentieren. 88 anwesende IOC-Mitglieder wollten sich von der Überzeugungskraft der Bewerber ein Bild machen. Bach überließ nichts dem Zufall. Bereits um 08.30 Uhr morgens, acht Stunden vor seiner Selbstdarstellung, machte er sich mit den Bedingungen im Saal vertraut. Bach hatte lange an seiner Rede gefeilt, um die richtige Balance zu finden zwischen Versprechungen und Argumenten. „Der IOC-Präsident ist der Dirigent eines Weltorchesters“, sagte Bach und erzählte von seinen Anfängen in der Organisation.

Als er 1991 als Neuling ins IOC kam, habe er vom damaligen Doyen einen wichtigen Rat bekommen. „Erstens, wenn du sprichst, beginne immer damit, den Präsidenten zu loben. Zweitens, lerne mit offenen Augen zu schlafen. Drittens, wenn Du mit offenen Augen zu schlafen gelernt hast, bewege dabei auch noch deinen Kugelschreiber. Dann wirst Du es in dieser Organisation weit bringen“, erzählte Bach und wurde für diese Geschichte mit spontanem Beifall bedacht.

Alle sechs Anwärter bezogen sich in ihren Reden auf die entscheidenden Punkte ihres Wahlprogramms. Carrion, wichtigster Geldbeschaffer von IOC-Präsident Jacques Rogge, betrat als erster die Bühne. Der Vorsitzende der IOC-Finanzkommission gilt neben Ng Ser Miang aus Singapur als größter Konkurrent des Deutschen. Bach redete als Dritter. Praktisch im Gleichklang setzten sich die drei aussichtsreichsten Kandidaten für eine Verteidigung der olympischen Werte, die Unterstützung der Jugend, eine Eindämmung des Gigantismus, den Schutz des Premiumprodukts Olympia und eine veränderte Programmpolitik ein. Die drei Außenseiter Wu Ching-Kuo (Taiwan), Denis Oswald (Schweiz) und Sergej Bubka (Ukraine) folgten im Anschluss.

Von den derzeitigen 104 IOC-Mitgliedern dürfen die Landsleute der Präsidentschaftskandidaten in Buenos Aires nicht mitabstimmen. Dadurch wird die Zahl der Stimmberechtigten auf 99 reduziert. Rogge rechnet nach seinem Ausscheiden nicht mit einer großen Umwälzung in seiner Organisation. „Es gibt keine Anzeichen einer Revolution. Es gibt Signale einer notwendigen Evolution“, sagte der 71 Jahre alte Belgier. Gelassen konnte Rogge am Donnerstag die Anstrengungen des Sextetts beobachten – auf seinen Nachfolger warten nicht nur die problematischen Spiele in Sotschi und Rio de Janeiro als Herausforderung. dpa

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