Sport : Mit Recht auf der Bahn

Rad-Olympiasieger Jens Lehmann kämpft gegen seine Sperre durch den Verband – sportlich und mit Hilfe von Anwälten

Hartmut Moheit

Berlin. Auf Mallorca, bei Tagestemperaturen über 10 Grad, fühlt sich Jens Lehmann in diesen Tagen pudelwohl. Auch gestern, als für den Leipziger Radprofi von Arenal aus 200 Trainingskilometer anstanden, empfand er auf der Insel „viel mehr Lust als Frust“. Hätte es nicht Lehmanns Rauswurf aus der Bahn-Nationalmannschaft gegeben, würde er von einer perfekten Olympiavorbereitung für Athen sprechen. So aber sagt Lehmann lediglich: „Noch nie war ich Anfang Februar so gut in Form.“ Ob aber der 36-Jährige vom Team Köstritzer seine Chance überhaupt bekommt, ist derzeit völlig offen. Dass er bisher zwei Olympiasiege erkämpfte, 18 internationale Medaillen gewann und dabei allein 14 mal ein WM-Finale bestritt, zählt in diesem Fall nicht mehr. Es sind die Geschehnisse vom 28. Juli bis 1. August 2003 bei der Bahnrad-WM in Stuttgart, die heute für ihn nachwirken. An diesem Tag fehlte zum ersten Mal seit 1962 ein deutsches Quartett bei der 4000-Meter-Mannschaftsverfolgung.

Jens Lehmann und die Thüringer Daniel Becke, Sebastian Siedler und Christian Bach wollten nur eine erneute Verletzung der Nominierungskriterien verhindern und eine Klärung durch den Verband herbeiführen. Irritationen waren insbesondere dadurch entstanden, dass der Verband den Einsatz von Guido Fulst und Robert Bartko vorsah. Die beiden Berliner hatten sich für diesen Wettbewerb nicht qualifiziert. Es kam zum Eklat, der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ließ ohne eigentliche Not den Vierer nicht antreten. Die Folge war der Rauswurf des rebellischen Quartetts aus der Nationalmannschaft, ein zweijähriger Ausschluss und damit ein bis heute anhaltender Rechtsstreit zwischen Anwälten und dem BDR.

„Meine Aufgabe ist es in dieser Situation, mich in eine Top-Form zu bringen“, sagt Jens Lehmann, der nach wie vor beteuert „kein Vaterlandsverräter zu sein“, wie es ihm unterstellt wurde. Der magische Termin für ihn ist der 10. Februar. „Dann wird in Frankfurt (Oder) die nationale Olympia-Qualifikation gefahren, und dabei muss ich eine Klassezeit vorlegen“, erklärt er. „Wenn ich dort versage, brauche ich mich ohnehin nicht mehr zu bemühen. Ich will doch keine Sonderrechte. Aber das wird nicht passieren, die Bahn in Frankfurt liegt mir besonders gut.“

Allein für diesen einen Tag trainiert Jens Lehmann derzeit auf Mallorca – zum vierten Mal seit dem vergangenen September. „Wie ein Verrückter", sagt seine Frau Gabi, „er hat nur noch den Sport im Kopf.“ Um seine Rehabilitation kämpft sie unterdessen, mit Unterstützung der Münchner Rechtsanwalts- Kanzlei Nachmann & Kollegen. „Wir sehen in diesem Fall, dass der Bund Deutscher Radfahrer eindeutig versagt hat. Er hat eine Fürsorgepflicht für seine Athleten. Die Strafe gegen Jens Lehmann zum Ende seiner großen Karriere ist nach unserer Meinung rechtswirdrig und im übrigen völlig unangemessen", sagt Rechtsanwalt Norbert Scharf im Namen der Lehmann vertretenden Rechtsanwälte. „Unser Mandant hatte die Qualifikations-Kriterien für die WM erfüllt, andere die starten sollten oder gestartet sind, nicht. Verbandspolitik darf unserer Meinung nach nicht höher bewertet werden als die sportliche Leistung.“ Ziel aller Bemühungen sei, dass Jens Lehmann wieder gleichberechtigt als Nationalfahrer an allen Weltcups teilnehmen darf, die letztlich für einen Olympiaeinsatz maßgebend sein werden.

In dieser Frage kämpft jeder der vier Fahrer für sich allein. Zuletzt war eine außergerichtliche Einigung zwischen Daniel Becke und dem BDR nicht zu Stande gekommen. „Der Schaden für Lehmann ist jetzt schon groß – finanziell und was die Reputation dieses großen Sportlers anbelangt", sagt Scharf. Jens Lehmann spricht vom „Wert eines Kleinwagens“, der ihm allein durch die Nichteinladung zu einigen Sechstagerennen verloren geht. Hart traf ihn, dass der Berliner Sechstagechef Heinz Seesing ihn nicht eingeladen hat. Mehr aber noch, wie er dies erklärte. „Es ist seine Sache, wie er sein Feld zusammenstellt. Aber mich dann in die Position des Erpressers zu bringen und dann davon offiziell zu sprechen, dass Boykotteure keinen Zutritt haben dürfen, hat mich sehr, sehr enttäuscht“, begründet Lehmann. „Ich bin kein Boykotteur, ich bin zweimaliger Olympiasieger – ich erwarte auch ein wenig Respekt davor."

Nicht so eng sieht die Stuttgarter Sechstage-Organisation das Thema. Ausgerechnet dort, wo der Eklat in der Schleyerhalle seinen Anfang nahm, darf Lehmann vom 15. Januar an fahren. „Ich danke den Stuttgartern für das Vertrauen", sagt er. „In Stuttgart habe ich 1985 meine erste WM erlebt." Von Mallorca aus wird er direkt dorthin reisen. „Ich bin in bester Laune und freue mich darauf. Mallorca tat mir schon immer gut."

0 Kommentare

Neuester Kommentar