Sport : Mit ruhiger Hand

Hertha BSC jubelt ausgelassen über den Klassenerhalt, Trainer Meyer hält sich dezent im Hintergrund

André Görke[München]

Auf dem Münchner Stadtring brach lautes Gelächter aus. Die Fußballer von Hertha BSC saßen im Mannschaftsbus, als Trainer Hans Meyer plötzlich in Unterwäsche vor ihnen stand. „Nu’ lacht mal nicht, Jungs!“, rief Meyer halbnackt durch den Bus. „Wenn ihr mit 61 Jahren so einen Körper habt, seid froh!“ Dann legte er seine verschwitzten Trainingsklamotten zur Seite und versteckte seinen Bauch in einem feinen Nadelstreifenanzug.

Es wurde ein überaus amüsanter Samstagabend für die Reisedelegation aus Berlin. Hertha BSC hatte an jenem Nachmittag in einem hoch dramatischen Spiel bei 1860 München 1:1 (0:1) gespielt und damit den Verbleib in der Bundesliga gesichert. Anschließend feierten die Spieler bis in den frühen Morgen in einer Berliner Diskothek. Der populärste Partygast jedoch war nicht erschienen: Hans Meyer.

Der Trainer ist kein Freund solch bierseliger Runden. Vor allem, so hat er einmal erzählt, wolle er sich selbst ersparen, dass seine Spieler ihn spät am Abend mit Hansi anredeten. Dass Meyer bei den Feierlichkeiten in Berlin nicht dabei war, hatte jedoch einen anderen Grund. Herthas Trainer saß am Sonntagmorgen vor den Kameras des Deutschen Sportfernsehens (DSF). Seelenruhig sprach er über den Klassenerhalt, gab einen kurzen Ausblick in die Zukunft und freute sich über die Prämie, die ihm Herthas Manager Dieter Hoeneß fürs Erreichen des Klassenerhalts überweisen muss. „Denn Sie wissen ja“, sagte Meyer in seiner typisch drastischen Art, „ich habe 40 Jahre lang für einen Nasenpopel gearbeitet.“ Angeblich hat Hoeneß seinem Trainer 250 000 Euro garantiert, wenn dieser mit Hertha BSC den Abstieg verhindert.

So nüchtern diese Zahlen sind, so nüchtern verhielt sich auch Hans Meyer am Tag der dramatischen Rettung. Als Herthas Spieler nach dem späten Ausgleichstreffer durch Alexander Madlung acht Minuten vor dem Abpfiff wie Kleinkinder umherhopsten, blieb Meyer einfach auf seiner Trainerbank sitzen. Und als die Berliner noch ungehemmter jubelten, als 1860 München in der letzten Minute einen Elfmeter verschossen hatte, erhob sich Meyer, umarmte aber niemanden – sondern ließ sich in den Arm nehmen. Hans Meyer wirkte in diesen Szenen eher wie ein Beamter aus dem Kreisverwaltungsamt, der Briefe abstempelt, als einer, den in dieser Sekunde so viele Menschen vergöttert haben.

Hertha BSC hat unter dem Trainer Hans Meyer 23 Punkte geholt, und es ist gut möglich, dass es in einer Woche nach dem letzten Heimspiel gegen den 1. FC Köln noch ein paar mehr sind. „Er war ein Glücksgriff“, hat Herthas Manager Dieter Hoeneß nach dem Schlusspfiff gesagt. „Hans Meyer hat konsequent gute Arbeit geleistet.“ Die Hochachtung vor Meyers Job führte sogar dazu, dass sich die Spieler nach dem Unentschieden ein Hemd überzogen, auf dessen Vorderseite „Danke Hans!“ stand und so zu den Fans rannten. Hans Meyer war zum Gang in die Nordkurve nur mit einiger Mühe zu überreden. Und damit bei Meyer überhaupt so etwas wie äußerliche Freude zu sehen war, musste Manager Hoeneß schon Meyers Arm anfangs mit anheben und den Fans zuwinken. „Ja, danke“, war das Enthusiastischste, was Herthas Trainer von sich aus auf Gratulationen erwiderte. Der Gedanke daran, dass er durch das Brandenburger Tor getragen werden soll, ist ihm sogar peinlich. „Ihr könnt mich höchstens durch meinen Garten in Bad Hersfeld tragen.“

Hans Meyer hat in seinen fünf Monaten nichts Grundlegendes verändert, er hat dem Klub und seinen Angestellten so lange die Wahrheit gesagt, bis die es letztlich geglaubt und sich dagegen gewehrt haben. Selbst nach dem Punktgewinn in München maulte er, dass „eigentlich wir wie ein Absteiger gespielt haben“ und nicht die Münchner, die im Abstiegskampf kaum noch eine Chance haben.

Eines fehlt noch in der Beziehung zwischen Hertha und Hans Meyer: die Anerkennung durch die Fans. Alle Spielernamen wurden nach dem Abpfiff gerufen, der von Meyer war nicht zu hören, in all den Monaten nicht. In einer Woche wird sich das ändern. Die Fans machen sich derzeit Gedanken, wie sie ihren Trainer in den Ruhestand verabschieden.

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