Sport : Mit schlaffen Flügeln

Auf der Suche nach dem Tor: Die Stürmer von Hertha BSC treffen nicht, weil sie keine Flanken bekommen

André Görke,Stefan Hermanns

Von André Görke

und Stefan Hermanns

Berlin. Eigentlich muss man die Diskussion um Giovane Elber und Hertha BSC nicht sonderlich ernst nehmen. Ob er sich vorstellen könne, Elber zu verpflichten, ist Herthas Manager Dieter Hoeneß am Wochenende gefragt worden. Natürlich konnte Hoeneß sich das vorstellen. Aber wahrscheinlich kann er sich auch vorstellen, Ruud van Nistelrooy oder Filipo Inzaghi zu verpflichten. Vermutlich ärgert sich Hoeneß inzwischen, dass er auf die Frage nicht einfach mit nein geantwortet hat. Die ganze Debatte hat eine Eigendynamik entwickelt, die Herthas Manager gar nicht gefallen kann. Inzwischen nämlich wird bereits darüber spekuliert, ob Elber vielleicht noch während dieser Saison nach Berlin kommt, und wenn es so weitergeht, steht demnächst zur Debatte, dass der brasilianische Stürmer noch vor Ende der ersten Wechselperiode am 31. August einen Vertrag bei Hertha unterschreibt. Gute Stürmer kann die Mannschaft schließlich gut brauchen.

Zwei Spiele sind in der neuen Fußball-Bundesligasaison gespielt, 180 Minuten vorüber – und noch immer ist Hertha BSC ohne Tor, als einzige Mannschaft im Profifußball. Und die Aussichten bleiben eher düster. In den nächsten Wochen muss Hertha auf den gesperrten Artur Wichniarek verzichten, der beim Auswärtsspiel in Stuttgart die Rote Karte sah, weil er „Arschloch“ gerufen hatte und der Schiedsrichter Kemmling sich beleidigt fühlte (siehe nebenstehendes Interview). Neben Wichniarek fehlt bei den Berlinern auch der brasilianische Stürmer Luizao, der sich mit einer Kapselreizung am Knie herumplagt und erst in der kommenden Woche wieder am Mannschaftstraining teilnimmt. „Wir dürfen jetzt nicht hysterisch reagieren“, sagt Hoeneß. „Wir haben erstklassigen Ersatz.“

Dieser erstklassige Ersatz weist die Erfahrung von sechs Bundesligaeinsätzen auf und heißt Nando Rafael. Als der 19-Jährige gegen Bremen vor einer Woche eingewechselt wurde, hatte er für Hoeneß’ Geschmack „einen guten Eindruck hinterlassen“. Sonderlich schwer war dies nicht, denn als Nando nach 72 Minuten aufs Feld kam, lag Hertha 0:3 hinten. So lautete auch das Endergebnis. Hoeneß kritisiert, dass sich die Stimmung in der Stadt ohnehin zu sehr „an der 0:3-Niederlage orientiert. Da haben alle schwach gespielt, nicht nur zwei Stürmer“. Dass seine Stürmer nicht getroffen haben, „das ist nicht dramatisch“.

Natürlich wäre es ein wenig voreilig, nach nur zwei Spielen schon ein abschließendes Urteil über die beiden neuen Stürmer Bobic und Wichniarek zu fällen. „Das machen wir nach der Hinrunde“, sagt Hoeneß. Der Mannschaft fehlt im Kombinationsspiel nach vorn eine feste Anspielfigur, wie es Michael Preetz war. Die Spieler kannten dessen Laufwege, dessen Schwächen, sie wussten, wie sie Preetz anspielen durften und wie nicht. Bei Bobic und Wichniarek muss sich diese Bindung erst einspielen. Zumal die beiden auch untereinander noch nicht besonders gut harmonieren. Das liegt auch daran, dass Bobic bei seinem alten Arbeitgeber Hannover 96 und Wichniarek bei Arminia Bielefeld oft als einzige Spitze aufliefen und das Angriffsspiel sich so auf sie konzentrierte. Jetzt nehmen sie sich gegenseitig Räume weg. Hoeneß sagt, dass Wichniarek „sehr agil“ spielte und einen „frischen Eindruck“ hinterlassen habe, auch wesentlich mehr Torgefahr ausgestrahlt habe als Bobic, „aber Bobic war nach seiner Rückenverletzung auch nicht zu 100 Prozent wiederhergestellt“, sagt der Manager. „Er wird der Alte sein, wenn er nur einmal das Tor getroffen hat.“

Bislang besteht in diesem Punkt aber wenig Hoffnung. Der Nationalstürmer hatte in der Vorwoche seine Kollegen attackiert und mehr Flanken gefordert. Gegen Bremen kamen nur sehr wenige in den Strafraum, in Stuttgart gar keine mehr. Die Bälle von Andreas Neuendorf, der im zentralen Mittelfeld den Job von Marcelinho übernahm, waren unbrauchbar, weil sie oft sehr hoch und nur schwach in den Strafraum geflogen kamen. Ein Stürmer kann mit diesen Bällen nichts anfangen. Auch Trainer Huub Stevens hatte das Aufbauspiel seiner Mannschaft kritisiert, aber „unsere Marschroute war nun einmal defensiv, und da haben wir überzeugt“, sagt Hoeneß. Überhaupt wollte „ich keinen Glanz sehen, sondern Kampf. Es hat doch keiner erwartet, dass wir nach Stuttgart fahren und mal eben 15 Torchancen herausspielen.“ Der Angriff werde harmonieren, „da mache ich mir gar keine Sorgen“.

Vielleicht beruht diese Hoffnung auf der Erfahrung aus den ersten Spieltagen der Saison 2001/02. Am ersten spielte Hertha 0:0 bei St. Pauli, am zweiten verloren die Berliner 0:2 gegen Dortmund. Die Parallelen zu heute sehen so aus: Ein Punkt besaß Hertha, war ohne Torerfolg. Ohne Marcelinho mussten die Berliner am dritten Spieltag antreten und gewannen 3:1. Der Gegner hieß SC Freiburg – wie am kommenden Samstag.

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