Sport : Mit Skepsis durch Deutschland Ein Radprofi und seine neue Angst vor den Fans

Olaf Jansen[Hannover]

Ronny Scholz ist ein Wasserträger. Hört sich etwas respektlos an, bedeutet im Radsport aber so etwas wie eine Adelung. Alle wissen: Ohne Wasserträger geht nichts, ohne die Helfer, die für die Drecksarbeit da sind, gewinnt keiner ein Rennen. Dopingverdächtig sind Wasserträger selten, weil sie auch mit verbotenen Mitteln im Blut kaum gewinnen würden. Ronny Scholz, der 29-Jährige, macht den Job nun schon seit vielen Jahren. In Cottbus aufgewachsen, fuhr er einige Jahre Amateurrennen, bevor er 2001 einen Vertrag beim Team Gerolsteiner erhielt. Mittlerweile hat er vier Tour-de-France-Teilnahmen hinter sich. Bei der Deutschland-Tour, die am Samstag zu Ende ging, gehörte er zum erfahrenen Personal.

Doch beinahe wäre Scholz gar nicht bei der Rundfahrt dabei gewesen. Aus Furcht. Vor den Fans. „Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich habe nach den Erlebnissen bei der Tour de France wirklich Angst vor dem Auftritt in Deutschland gehabt“, sagt Scholz leise. Die Tour de France, die in London „so bombastisch angefangen hat wie noch keine zuvor“, wie Scholz fand, entwickelte sich für den Routinier zum Albtraum. „Täglich kamen neue Dopingfälle, die Medien berichteten immer kritischer, am Straßenrand entwickelte sich eine ganz merkwürdige Anti-Radsport-Stimmung.“ Eine Sportart stürzte ab – doch die Sportler waren noch dabei.

„Zwischendurch konnte ich mich kaum mehr auf das Radfahren konzentrieren“, sagt Scholz. Er dachte sogar daran, alles hinzuschmeißen: „Ich war in diesen Tagen nicht der Einzige, der ernsthaft daran gezweifelt hat, mit dem Sport noch weiterzumachen. Ich war heilfroh, als in Paris endlich alles vorbei war.“ Besonders die Nachrichten aus der Heimat machten Scholz zu schaffen. „In Deutschland war der Ärger über Radsportler ja noch offener als in Frankreich. Meine Freundin ist auf offener Straße von Leuten beleidigt worden, weil ihr Freund Profi-Radfahrer ist. Da hört’s dann wirklich auf!“

Erst einen Tag vor Beginn der Deutschland-Tour hat Scholz dem Vater seiner Freundin die Zusage für seine Teilnahme gegeben. Der Vater heißt Hans-Michael Holczer und ist Chef vom Team Gerolsteiner, sein forsches Auftreten gegen Betrug hat ihn bekannt gemacht. Im Ziel war er schließlich erleichtert: „Es sind vielleicht nicht mehr ganz so viele Fans am Straßenrand wie sonst, aber die, die da stehen, jubeln uns doch überwiegend zu.“

Die Gerolsteiner-Profis fuhren bei der Tour de France, aber auch jetzt bei der Deutschland-Tour hinterher, so dass es etwas leichter fällt, Scholz dessen Antidopingsätze abzunehmen. Er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sein Sport irgendwann von Dopingsündern weitestgehend befreit werden könne. „Die Verantwortlichen sind auf dem richtigen Weg. Es muss mehr Geld für intelligentere Kontrollen investiert werden. Im Training muss getestet werden, da dort wirklich manipuliert wird. Bei Rennen machen die Doper das doch nicht.“ Dass die Tests besser greifen, sehe man nicht zuletzt daran, dass einige Profis vom Team Astana aufgeflogen sind. „Das haben die Tester wirklich gut gemacht“, sagt Scholz. „Die sind morgens wohl zu denen ins Training gefahren und haben Urintests gemacht. Nachmittags sind sie wieder gekommen. Für Bluttests. Damit hat keiner gerechnet.“

Sein Tief hat Scholz mittlerweile überwunden. Er will weitermachen. Erst einmal. Aber in ein paar Jahren will er mit Radsport nichts mehr zu tun haben. „Ich möchte gemeinsam mit meiner Freundin eine Kette von Cafés eröffnen. Schon im kommenden Jahr soll es losgehen.“

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