Sport : Mit Teamwork zum Gold

Deutschlands Tischtennis-Männer werden mit einem 3:2-Sieg über Weißrussland Europameister

Jörg Petrasch[St. Petersburg]

Nachdem er den vierten Matchball verwandelt hatte, sank Dimitri Owtscharow jubelnd in die Knie, drehte sich kurz um und wurde von den heranstürmenden anderen Spielern der deutschen Tischtennis-Nationalmannschaft samt Trainer umarmt. Die Deutschen feierten. Lange und ausgiebig. Mit einem 3:2-Sieg über Weißrussland im Finale waren sie gerade Mannschafts-Europameister geworden. Erst nach einer ganzen Weile fand der 20-jährige Owtscharow im Sportkomplex von St. Petersburg die passenden Worte zu seinem Auftritt im letzten, alles entscheidenden Einzel. „Ich bin so verdammt froh, dass ich gewonnen habe“, sagte Owtscharow, „mein Gegner hat extrem über seinem Limit gespielt.“

Das hat er in der Tat. Beim Gesamtspielstand von 2:2 musste der Düsseldorfer gegen den in der Weltrangliste 141 Plätze schlechter eingestuften Vitali Nechwedowitsch in die Spielbox. „Das war der größte Druck, den ich je hatte“, sagte Owtscharow hinterher. Der Gegner schleppt zwar rund 15 Kilo Übergewicht mit sich herum, ist aber auch mit einem sehr harten Topspin gesegnet und deshalb gefürchtet. „Wenn ich das Spiel verloren hätte, wäre es ein Desaster gewesen“, sagte Owtscharow.

Dass es kein Desaster wurde, sondern die erfolgreiche Verteidigung des EM-Titels vom vorigen Jahr in Belgrad, lag aber an der gesamten Mannschaft: Jeder der drei Spieler steuerte im Finale einen Punkt zum 3:2-Sieg bei. „Das Team hat es sogar weggesteckt, dass Timo Boll nicht jedes Mal zwei Punkte holt“, freute sich Bundestrainer Richard Prause. Einzel-Europameister Boll war dem überragend spielenden Europaranglistenersten Wladimir Samsonow mit 8:11, 8:11, 6:11 klar unterlegen gewesen. Samsonow blieb damit im gesamten Mannschaftswettbewerb ohne Niederlage – nach dem K.o. der Mannschaft im Endspiel letztlich nur ein schwacher Trost.

Zuvor hatte der 27-jährige Boll die Deutschen gegen Nechwedowitsch in Führung gebracht. Bastian Steger steuerte mit seinem souveränen Sieg gegen den Abwehrspezialisten Jewgeni Schetinin, den die Deutschen aus vielen Jahren Bundesliga kennen, den wichtigen zweiten Punkt bei.

Nach der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Peking vor sieben Wochen wirkten die Deutschen in St. Petersburg freilich noch etwas müde. Timo Boll gab ehrlich zu: „Wir haben hier alle nicht richtig gut gespielt. Aber zusammen waren wir gut genug für den Titel. Wir sind letzten Endes über den Kampf Europameister geworden.“

Der Kampf um Gold begann in dem 4500 Zuschauer fassenden Sportkomplex, der durchweg nur spärlich besucht war, bereits eine Runde zuvor. In den Gruppenspielen und im Viertelfinale gegen Gastgeber Russland musste die DTTB-Auswahl nicht ans Limit gehen. Im Halbfinale aber trafen mit Deutschland und Österreich die beiden nominell stärksten Mannschaften aufeinander. Dieses Match wurde zum wahren Krimi, das der alte und neue Europameister mit 11:9 im fünften Satz des letzten Spiels gewann. Dabei brachte Bastian Steger, der wie im Finale den Vorzug vor Olympia-Teilnehmer Christian Süß erhielt, das Kunststück fertig, eine Führung mit 1:0 nach Sätzen und 10:4 nach Punkten gegen Robert Gardos noch zu verspielen. Geknickt gab der 27-Jährige aus Frickenhausen danach auch den dritten Satz ab und nur wenige in der Halle gaben Steger noch eine Chance. Doch der Bayer kämpfte sich Punkt um Punkt ins Spiel zurück – und brachte Deutschland überhaupt erst ins Finale.

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