Sport : Mit Trainer Wassilew soll Union in die dritte Liga - und mehr nicht?

Claus Vetter

Die Zahlenspiele des Heiner Bertram verwirren ein wenig. "Unser Etat ist eigentlich ein Zweitliga-Etat", sagt der Präsident des 1. FC Union, "und unser Saisonziel ist die Qualifikation für die dritte Liga." Angesichts des komfortablen Budgets von 9,5 Millionen Mark ein bescheidener Plan. So muss der Zweitliga-Aufsteiger Chemnitzer FC beispielsweise mit zwei Millionen Mark weniger auskommen. Nein, sagt Bertram, man wolle nicht vermessen sein, rede selbst hinter vorgehaltener Hand nicht vom Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Und überhaupt: "Wer kann es sich, gerade im Vorfeld dieser Saison, schon erlauben, von der Meisterschaft zu sprechen?"

Die durchwachsene vorige Saison hat in Köpenick deutliche Spuren hinterlassen. Ein Kommen und Gehen des Spielerpersonals, ein Trainerwechsel, der sich letztlich als Fehlgriff erwiesen hat. Dutzende von potentiellen neuen Spielern hat Ex-Coach Fritz Fuchs gegen Ende der zurückliegenden Spielzeit getestet, ehe er dann doch das Handtuch warf. Der Vorstand hatte dem Abtrünnigen bis zuletzt die Treue gehalten. Inzwischen gibt allerdings auch Bertram zu, dass man hier nicht immer richtig lag. Der Trainer habe wohl oft nicht den richtigen Zugang zu den Spielern gefunden, sagt der Präsident vorsichtig.

In dieser Hinsicht soll nun freilich alles anders werden. Mit Georgi Wassilew haben die Köpenicker einen Coach von internationalem Renommee verpflichtet. In Bulgarien führte der 52-jährige Fußball-Lehrer schon drei Clubs zu Meisterehren, gilt zudem als Entdecker von Stars wie Krassimir Balakow oder Daniel Borimirow. Gleich vier Akteure aus seiner Heimat hat Wassilew an die Alte Försterei locken können. "Der Trainer wollte nur Spieler verpflichten, die er hundertprozentig kennt. Deshalb kamen nur die Bulgaren in Frage", sagt Präsident Bertram.

Freilich, der neue Coach und seine vier Landsleute kennen das hiesige Geschäft kaum. Ihre Kenntnisse des doch recht robusten Regionalliga-Fußballs sind eher rudimentär. Zwei Videokassetten von Union-Spielen hat Wassilew vor seinem Wechsel an die Spree begutachtet. Angst, dass der Trainer bei seiner ersten Station außerhalb Bulgariens eine gewisse Anpassungsphase benötigt, hat man bei Union nicht. "Am Anfang muss man Rückschläge einkalkulieren. Dann wird es schon laufen", glaubt Bertram. Die Qualifikation für die neue dritte Liga ist Pflicht, "alles andere wäre schlichtweg eine Katastrophe". Aber er sei zuversichtlich, sagt Bertram. "Bisher ist Wassilew überall, wo er Trainer war, im ersten Jahr Dritter oder Vierter geworden. Und im zweiten Jahr ist er immer Meister geworden."

Im Jahre 2001 soll es also so weit sein, der seit Ewigkeiten avisierte Sprung in den Profifußball soll gelingen. Und da ist der Präsident plötzlich gar nicht bescheiden. "Unser Anspruch, die Nummer zwei in der Stadt zu werden, der bleibt", sagt Bertram. Die Realität: Mit Hertha BSC und Tennis Borussia liegen zwei Berliner Klubs Lichtjahre oder mindestens eine Liga vor Union. Auch die marode Anlage an der Alten Försterei genügt kaum höheren Ansprüchen. Rund 15 Millionen Mark würde eine Totalsanierung des Stadions kosten. "Das werden wir zum Wahlkampfthema machen", sagt Bertram. "Da gibt es Millionen für die neuen Sitze von Hertha, und bei uns ist seit Jahren nicht eine Mark ins Stadion gesteckt worden."

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