Sport : Mit Trotz und Toren

Kevin Kuranyi versöhnt sich mit dem DFB-Team

Sven Goldmann[London]

Angela Merkel saß auf der Tribüne und klatschte in die Hände, immer wieder, und wenn sie sich nicht von der Kamera beobachtet fühlte, wirkte sie aufgeregt wie ein Schulmädchen. Als alles vorbei war, sprach die Bundeskanzlerin von „einem schönen Tag“. Später wurde sie in der deutschen Kabine gesichtet, wie übrigens auch Jürgen Klinsmann. Es war alles ein wenig wie bei der Weltmeisterschaft vor nun bald 15 Monaten. Ein Come Together von Staats- und Sportkunst, repräsentiert durch die beiden populärsten Repräsentanten ihrer Disziplinen.

Kevin Kuranyi kennt das alles nur aus dem Fernsehen. Er hat der Frau Merkel damals nicht die Hand geschüttelt, und auf Klinsmann spricht man ihn besser nicht an. Auch nicht in Augenblicken des Triumphes wie am späten Mittwochabend in London, als der Schalker wieder mit zuletzt gewohnter Zuverlässigkeit als Torschütze in Erscheinung trat beim 2:1-Sieg der Deutschen gegen England. Wiegt ein Tor in Wembley eine verpasste Weltmeisterschaft auf? Kevin Kuranyi hat es bis heute nicht verwunden, dass Klinsmann ihn im Sommer 2006 nicht haben wollte. Im Raum steht das Wort von der Respektlosigkeit, von „der größten Enttäuschung meiner Karriere“. Jetzt mag er sich nicht mehr äußern zu Klinsmann und der Vergangenheit. Kuranyi sagt: „Ich fühle mich sehr wohl in dieser Mannschaft und bin froh, dass ich wieder spielen und treffen darf.“

Seit einem halben Jahr erst zählt er wieder zum Kreis der Nationalmannschaft. Klinsmanns Nachfolger Joachim Löw hatte Kuranyi lange im Ungewissen gelassen, dessen Entwicklung bei Schalke abgewartet und ihn erst im Februar wieder zum Testspiel gegen die Schweiz eingeladen. Löw war schon als Kotrainer das fußballerische Mastermind hinter dem Projektmanager Klinsmann, natürlich, er hatte Kuranyis WM-Ausbootung befürwortet, wenn nicht sogar initiiert. Aus sportlichen, aber auch aus pädagogischen Gründen. Selbstzufriedenheit und mangelnden Biss hatten Löw und Klinsmann bei Kuranyi moniert, doch der ignorierte alle Signale. Und trug schwer an den Konsequenzen.

Es wurde eine Weltmeisterschaft, die den FC Schalke 04 unterrepräsentiert sah. Da auch Fabian Ernst durchs Sieb fiel, gehörte als einziger Schalker Gerald Asamoah zum deutschen Aufgebot. Ein Ergänzungsspieler, der nie eine tragende Rolle spielte in Klinsmanns Planungen. Ein gutes Jahr später hat Gelsenkirchen sich versöhnt mit der Nationalmannschaft. Allen voran Kevin Kuranyi. Schon beim Comeback gegen die Schweiz traf er, das grandiose 2:1 gegen die Tschechen in Prag wurde erst möglich durch seine beiden Kopfballtore. Auch beim symbolträchtigen Gastspiel in Wembley glänzten zwei Schalker als Torschützen, neben Kuranyi der Debütant Christian Pander. (Nebenbei bemerkt: Kein einziger Spieler von Borussia Dortmund setzte am Mittwoch einen Fuß auf den geweihten Rasen von Wembley.)

Hat die verpasste WM, hat der Trotz, der Kampf um Rehabilitation einen besseren Fußballspieler aus Kevin Kuranyi gemacht? Wahrscheinlich nicht. Aber einen anderen. Einen, der seinen Job mit neuer Konzentration angeht. Der links und rechts alles ausblendet und auf dem Platz für den Erfolg arbeitet. Gewiss resultierte Kuranyis Ausgleichstor zum 1:1 aus einem Fehler des englischen Torhüters Paul Robinson, der Bernd Schneiders verunglückte Flanke denkbar ungeschickt und viel zu kurz abwehrte. Kevin Kuranyi und John Terry verfolgten die Szene Schulter an Schulter. Der englische Weltstar verharrte regungslos auf seinem Platz, der deutsche Stürmer machte die entscheidenden zwei Schritte und stieß den Ball ins Netz.

Mit solchen Toren gewinnt man keine Schönheitspreise. Aber die auch in Wembley angedeutete Schönheit des deutschen Spiels wäre wenig wert ohne gedankenschnelle Abstaubertore, wie sie Kevin Kuranyi erzielt. Ohne ihn hätte Angela Merkel keinen so schönen Tag erlebt.

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