Sport : Mit vollem Einsatz

Viele Stars und offensiver Fußball: Warum diese Saison wunderbar wird

Sven Goldmann

Giovanni Trapattoni gehört zu der Spezies Mensch, die zum Reden mehr braucht als nur Mund, Zunge und Stimmbänder. Der Trainer des VfB Stuttgart spricht mit Händen und Füßen, dazu lässt er den Kopf kreisen, und zur Betonung besonders wichtiger Passagen geht er schon mal in die Knie. In diesen Tagen, vor dem Start in die 43. Saison der Fußball-Bundesliga, gibt Trapattoni alles, wenn er von seinem neuen Personal schwärmt. Von Jon Dahl Tomasson, „dem Spieler mit der besten Nase der Bundesliga, taktisch klug und intelligent, der kann Tore vorbereiten wie kein anderer“. Und von Jesper Grönkjaer, „einem perfekten Flügelspieler, ich wollte ihn unbedingt“. Zwölf Millionen Euro hat der Italiener in Stuttgart ausgeben dürfen, und er hat das viele schöne Geld nicht in die Betonierung des eigenen Strafraums gesteckt, sondern in zwei Stürmer, die Dänen Grönkjaer und Tomasson. Was ist bloß los in dieser Bundesliga, wenn sogar Giovanni Trapattoni, der Lordsiegelbewahrer des Catenaccio, die Vorzüge des Offensivspiels preist?

Es ist eine andere Bundesliga, die die Fans erwarten in der Saison vor der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, des vielleicht größten Ereignisses im Deutschland der nächsten Jahre. Trapattoni und der VfB Stuttgart stehen stellvertretend für diese Wandlung. Noch vor ein paar Wochen, nach der Entlassung von Trainer Matthias Sammer und den Abgängen von Kevin Kuranyi, Philipp Lahm und Alexander Hleb, wirkten die Stuttgarter so grau wie die Trikots, mit denen sie in dieser Saison auflaufen. Zum Saisonstart nun glaubt Vereinschef Erwin Staudt, „dass wir personell vielleicht sogar besser dastehen als im letzten Jahr“. Auch der sonst so rational denkende IBM-Manager Staudt wirkt wie beseelt von dem Virus, mit dem Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Nation infiziert hat. Es ist die neue Lust an der Schönheit. Die Erkenntnis, dass Fußball in Deutschland mehr sein kann als grätschen und verteidigen. Die Freude darüber, wie viel Spaß das machen kann.

Die Wochen des Wandels sind in frischer Erinnerung. 15 Tage im Juni beim Turnier um den Confed-Cup, maßgeblich geprägt von einer munter stürmenden deutschen Mannschaft, haben das Publikum verzaubert. Zwar fand das Finale ohne deutsche Beteiligung statt, dafür berauschten sich die einheimischen Fans an Brasiliens 4:1-Sieg über Argentinien. Später stellten sie verwundert fest, dass da lauter gute, alte Bekannte aufgespielt hatten. Der Berliner Gilberto, die Münchner Zé Roberto und Lucio, der Leverkusener Roque Junior: Vier Spieler, die beim Confed-Cup-Finale in der Startaufstellung des Weltmeisters standen, verdienen ihr Geld in Deutschland. So schlecht, wie sie oft gemacht wird, kann diese Bundesliga gar nicht sein.

Andere rücken nach, die Dänen Grönkjaer und Tomasson, die zuvor bei erstklassigen Adressen wie dem FC Chelsea, Atletico Madrid und dem AC Mailand spielten. Oder der Niederländer Rafael van der Vaart, den sie beim Hamburger SV schon als wichtigste Figur seit Kevin Keegan feiern, dem englischen Star der späten Siebzigerjahre. „Hier wächst etwas“, sagt der Hamburger Trainer Thomas Doll. Van der Vaart zieht den HSV seinem Heimatklub Ajax Amsterdam vor, um sich für die WM 2006 zu empfehlen. Deswegen wäre der Tscheche Milan Baros, Torschützenkönig bei der EM 2004, gern zu Schalke 04 gegangen. Am Ende scheiterte der Wechsel an den neun Millionen Euro, die der FC Liverpool als Ablöse verlangte.

„Ein potenzieller Nationalspieler muss wissen, ob es für ihn besser ist, bei einem internationalen Topverein auf der Bank zu sitzen oder in der Bundesliga zu spielen“, sagt der Berater Jörg Neubauer, der unter anderen die deutschen Nationalspieler Arne Friedrich, Christoph Metzelder und Tim Borowski betreut. Stürmer Mike Hanke etwa zieht einen Stammplatz in Wolfsburg dem Konkurrenzkampf bei Schalke 04 vor. Per Mertesacker, der Aufsteiger des vergangenen Jahres, schätzt die Sicherheit bei seinem Stammklub Hannover und wartet noch ein Jahr mit einem Wechsel zu einem großen Klub.

Das Publikum spürt diese Mischung aus Spannung und Vorfreude und ist neugierig wie nie zuvor. 370 000 Dauerkarten haben die 18 Vereine vor dem Saisonstart verkauft, das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Selbst eine Veranstaltung von mäßiger sportlicher Bedeutung wie der Ligapokal findet mittlerweile in gut besuchten Stadien statt. Beim Finale gingen Schalke 04 und der VfB Stuttgart mit einer Vehemenz aufeinander los, dass nach dem Schlusspfiff die nie erreichte Bilanz von zwei Roten Karten stand, vergeben an die Schalker Kuranyi und Lincoln. Schon im Halbfinale hätte der Münchner Hargreaves für einen Tritt gegen Stuttgarts Christian Tiffert rot sehen müssen. Und beim Testspiel von Hertha BSC in Rotterdam flogen mit Okoronkwo und Neuendorf gleich zwei Berliner vom Platz. „Alles nicht so dramatisch“, wiegelte Schiedsrichter Lutz Wagner nach dem Ligapokalfinale ab. „Das hätte auch in einem normalen Bundesligaspiel passieren können.“ Vor einem Jahr wäre niemand auf die Idee gekommen, Ligapokal und Bundesliga gleichzusetzen.

„Der Druck ist sehr hoch, da fällt es schwer, die Nerven zu behalten, selbst in einem Spiel, in dem es nur um einen Blumentopf geht“, sagt Schalkes Torhüter Frank Rost. Für Schalke ist der Druck besonders groß, nach den Investitionen in Stars wie Kuranyi und Ernst und der Kritik der vergangenen Saison, die Mannschaft sei im Kopf nicht reif für die Meisterschaft. „Wenn wir so spielen wie in der ersten Halbzeit des Ligapokalfinales, können wir auch um den Titel spielen“, sagt der Däne Christian Poulsen. Auch der FC Bayern München, wie immer als haushoher Favorit gehandelt, freut sich auf die nationale Konkurrenz. Vor ein paar Jahren hatten die Münchner noch von einer Europaliga geträumt, von ständigen Duellen mit Arsenal, Barcelona oder Milan. Zur offiziellen Saisoneröffnung nun sprach Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge von der deutschen Meisterschaft als vorrangigem Ziel, „weil es da um den ehrlichsten Titel geht“. Ein größeres Kompliment für die Bundesliga ist schwer vorstellbar.

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