Sport : Mit vollem Ernst

Martina Navratilova spielt auch mit 46 noch professionell Tennis – sie will jetzt ihren Aufschlag verbessern

Matthias B. Krause

New York. Der Regen nieselte fast ohne Unterlass auf die grünen Hartplätze von Flushing Meadows. Nur Jennifer Capriati und Justine Hénin-Hardenne bezwangen in den kurzen Pausen am Montag im Schnelldurchgang ihre Gegnerinnen und zogen ins Viertelfinale der US Open ein, mehr als 60 andere Spiele fielen aus. Dem Haussender CBS blieb nichts anderes übrig, als mit Archivmaterial seine siebenstündige Sondersendung zu füllen. So zogen die Produzenten etwa ein Viertrundenmatch zwischen Jimmy Connors und Aaron Krickstein aus dem Jahr 1991 heraus und sendeten es in epischer Breite. Zwischendrin lockerten Interviews mit Größen von gestern die Wartezeit auf, etwa mit Martina Navratilova.

Von gestern? Von wegen. Martina Navratilova feiert im nächsten Monat ihren 47. Geburtstag, hat aber den Tennisschläger keineswegs aus der Hand gelegt. Und statt in guten alten Zeiten zu schwelgen, sprach sie davon, wie sie gerade versucht, ihren Aufschlag zu verbessern.

Der CBS-Kommentator John McEnroe, auch so einer, der es nicht lassen kann, war beeindruckt. „Seht euch die Martina an“, sagte er, „ sie spielt schon das ganze Leben und will immer noch etwas dazulernen.“ Und anders als er, der sich nur noch in der Seniortour und bei einigen Showspielen herumtreibt, nimmt es Navratilova allen Ernstes mit Gegnerinnen auf, die bis zu 30 Jahre jünger sind als sie.

Allerdings nicht mehr im Einzel, das Fach hat die 18fache Grand-Slam-Siegerin 1994 abgehakt. Doppel und Mixed jedoch spielt sie seit dreieinhalb Jahren wieder mit wachsender Begeisterung – und Erfolg. Allein in diesem Jahr gewann sie bereits die Mixed-Grand-Slams von Australien und England. In New York nun versucht sie sich notgedrungen mit der 18 Jahre alten Russin Swetlana Kusnetzowa im Doppel, weil ihr Mixed-Partner wegen Krankheit fehlt. Die Zuschauer strömen in Massen, um die große alte Dame des Tennis spielen zu sehen. Sogar bei ihren Trainingseinheiten schauen sie in Scharen zu.

In der ersten Runde füllte Navratilova durch ihre Anwesenheit die 6000 Plätze der Grand Stands mühelos. Am Montag sollte sie in der dritten Runde gar im Arthur-Ashe-Stadion antreten, der mit fast 24 000 Sitzplätzen größten Tennisarena der Welt. „Es ist wirklich verrückt“, sagt Navratilova, „und eine große Belohnung.“ Ihr Verhältnis zum New Yorker Publikum sei nicht immer so gut gewesen. „Aber in den letzten 15 Jahren ist es phänomenal.“ Vermutlich waren es ihre öffentlichen Tränen in dieser harten und doch so sentimentalen Stadt, die die Wende einleiteten. Bevor diese Tränen flossen, hatte Navratilova als gebürtige Tschechin bei den Amerikanern einen schweren Stand gehabt. Zum einen nahmen es ihr viele übel, dass sie Nationalheldin Chris Evert ein ums andere Mal vom Platz gefegt hatte. Zum anderen kam Navratilova mit ihrem offenen Bekenntnis zur Bisexualität im prüden, pseudoreligiösen Amerika nicht so gut an.

Die Tränen vor Tausenden, die alles veränderten, vergoss Martina Navratilova am 12. September 1981. Damals verlor sie das US-Open-Finale gegen die Amerikanerin Tracy Austin mit einem Doppelfehler im dritten Satz – und gewann das Publikum mit ihrer emotionalen Reaktion. 22 Jahre später tingelt sie immer noch in der Tour und wird mehr geliebt denn je.

Mittlerweile achtet man sie zudem wegen ihrer schnörkellosen Kommentare. Die „New York Times“ lud die Tennisspielerin vor dem Grand-Slam-Turnier zum Interview, um sie zu brisanten Politthemen zu befragen. Navratilova äußerte sich wie gewohnt in aller Offenheit. Dass die katholische Kirche gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften erst kürzlich wieder verdammt hat, kommentierte sie bitter: „Der Holocaust hat sie nicht gestört, aber die Homo-Ehe stört sie. Ich denke, sie sollten ihr eigenes Haus aufräumen, bevor sie etwas dazu sagen, wie ich es mit meinem halte.“

Doch trotz ihrer dauerhaften Popularität hat Navratilova kaum noch Werbepartner. „Sobald du 30 bist, will dich keiner mehr“, sagt sie. Unter diesen Vorzeichen versteht sie ihre scheinbar nimmer endende Tenniskarriere auch als Zeichen für ihre Generation: „Ich möchte die Leute motivieren, das zu tun, wonach ihre Herzen verlangen. Sie sollten ihren Passionen nachgehen, ohne über ihr Alter oder ihr Können nachzudenken.“

Niemand sollte allerdings glauben, dass Martina Navratilova bei so viel Sendungsbewusstsein ihre sportlichen Ziele aus den Augen verloren hätte. „Ich würde liebend gern noch einmal gegen die Williams-Schwestern spielen“, verkündete sie vor dem Beginn des Turniers. Begründung: „Ich weiß, dass ich sie schlagen kann. Sie sind tolle Einzelspielerinnen, aber im Doppel sind sie nicht so großartig.“

Bei solchen Vorhaben wirkt es dann doch wenig verwunderlich, dass Martina Navratilova auch nach 28 langen Jahren als Tennisprofi noch so gewissenhaft an ihrem Aufschlag feilt.

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