Sport : Mit vollem Zeremoniell

Francis Obikwelu siegt im 100-Meter-Lauf

Friedhard Teuffel

Göteborg – Zum ersten Mal durfte Francis Obikwelu nach einer portugiesischen Fahne greifen und mit ihr eine Runde durch das Stadion laufen. Seine erste Ehrenrunde? Obikwelu war doch als Titelverteidiger zur EM nach Göteborg gekommen. Bei der letzten EM allerdings ließ sich nach dem 100-Meter-Rennen zunächst der Brite Dwain Chambers beglückwünschen, Obikwelu war Zweiter. Wie sich herausstellte, hatte Chambers beides nicht verdient, weder Titel noch Ehre, denn er hatte vorher mit dem Designersteroid THG nachgeholfen.

Im Besitz eines nachgereichten EM-Titels war Obikwelu also schon, jetzt hat er sich noch einen mit vollem Zeremoniell erlaufen. Der 27-Jährige blieb als einziger im Finale unter 10 Sekunden – 9,99 Sekunden benötigte er. Es wurde nicht das spannende Duell mit Chambers, der in Göteborg nach seiner zweijährigen Dopingsperre auf die große Bühne zurückgekommen war. Der Brite konnte einfach nicht mithalten. Nur mit Mühe hatte er sich für das Finale qualifiziert und ließ dort nach 10,24 Sekunden nur den Deutschen Ronny Ostwald hinter sich, der nach 10,38 Sekunden ins Ziel kam.

Während sich Obikwelu feiern ließ, verließ Chambers beinahe fluchtartig das Stadion. Er wollte sich sicher nicht die Frage gefallen lassen, ob er denn nur mit Hilfe von verbotenen Mitteln schnell rennen kann. Nicht einmal in Europa gehört Chambers noch zur Spitze, und es ist offen, ob die Briten ihn überhaupt in der Staffel einsetzen werden. Wegen seines Dopingvergehens hatten sie schließlich 2002 europäisches Staffelgold verloren, ohne ihn waren sie im vergangenen Jahr Weltmeister geworden, und für Olympische Spiele hat ihn das britische olympische Komitee sowieso lebenslang gesperrt.

Obikwelu dagegen fühlt sich gut genug, um auch Titel auf der Weltbühne zu gewinnen. Bei den Olympischen Spielen in Athen war er schon Zweiter geworden und hatte mit 9,86 Sekunden den Europarekord aufgestellt. Vor ihm landete nur der Amerikaner Justin Gatlin – er wurde im April positiv auf Testosteron getestet und könnte, weil es sein zweiter Dopingvorfall ist, lebenslang gesperrt werden. Übrig bliebe Obikwelu.

War es denn für ihn eine Genugtuung, jetzt den Mann besiegt zu haben, der ihm den EM-Titel mit unlauteren Methoden weggeschnappt hatte? „Ich mache mein Rennen“, sagte Obikwelu, „und das Rennen ist für jeden offen.“ In Göteborg ist er sogar auf seinen Widersacher Chambers zugegangen. „Ich habe ihn im Hotel getroffen und gesagt, dass ich mich freue, dass er wieder dabei ist. Er ist doch auch nur ein Mensch.“ Dann fügte der Portugiese hinzu: „So etwas kann jedem passieren.“ Man kann nur hoffen, dass Francis Obikwelu diesen Satz nicht so meint, wie er ihn gesagt hat.

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