Sport : Mit Zen ins Finale

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Von Alexander Busch

Sao Paulo. Irgendwann zu Beginn seiner Karriere als Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft sagte Luiz Felipe Scolari, dass seine millionenschweren Cracks klare Regeln brauchen, aber auch motiviert werden müssen – wie Jugendliche eben. Die Fußballexperten belächelten damals den provinziell auftretenden Scolari und seine Sprüche. Jetzt lacht nur noch Scolari.

Das mit der Disziplin hat er schnell klar gestellt. In der Vorbereitungsphase und in den ersten Spielen der Weltmeisterschaft waren Familienbesuche untersagt, der Kontakt mit der Presse wurde auf ein Minimum reduziert, für den Fall von Eskapaden drohte Scolari mit dem sofortigen Rauswurf. All das hat die 23 Spieler zusammengeschweißt.

„Noch nie habe ich einen solchen Teamgeist gespürt wie bei dieser WM", sagt Roberto Carlos, der Profi von Real Madrid. „Hier redet keiner schlecht über den anderen, auch nach 40 Tagen ist das Klima in der Gruppe immer noch gut." Auch Superstar Ronaldo nutzt die Ruhe, um sich zu konzentrieren und auf die Wiedergutmachung des verpatzten Finales gegen Frankreich 1998 vorzubereiten. In Paris hatte der Stürmerstar noch ein ganzes Haus für Freunde und Familie gemietet und jede freie Minute zu Fototerminen mit seiner Freundin genutzt.

Scolari liest seinen Spielern zur Steigerung der Motivation Zen-Weisheiten aus der Autobiographie des amerikanischen Basketball-Trainers Phil Jackson vor. Aus der Schlussszene eines Oliver-Stone-Films über das Comeback eines Football-Teams („Any given Sunday") zitiert er die Appelle, mit denen Al Pacino in der Hauptrolle sein Team anfeuert: „Wir sind eine Mannschaft, entweder wir schaffen das zusammen, oder wir scheitern als Individuen. Nur so funktioniert Fußball."

Von TV Globo, dem größten Sender Brasiliens, besorgte sich der Trainer Mitschnitte von feiernden Fans und zeigte diese den Spielern. „Wenn ich sehe, wie Kinder morgens um 3 Uhr in ganz Brasilien vor dem Fernseher sitzen, um uns zu sehen, dann motiviert uns das unheimlich", sagt Roberto Carlos. Und Torhüter Marcos fügt hinzu: „Wir sind vor allem hier, um als Brasilianer zu spielen." Deswegen nervt es die Spieler in ihrem von Scolari geförderten Patriotismus ganz besonders, dass ihnen Präsident Fernando H. Cardoso bisher noch nicht mal ein Glückwunschtelegramm geschickt hat – vor allem jetzt, da nach dem Sieg gegen England der fünfte Weltmeistertitel zum Greifen nahe ist.

Seit vergangenem Freitag, als die Brasilianer David Beckham und dessen englische Kollegen nach Hause schickten, steht das öffentliche Leben in den Metropolen Rio de Janeiro und Sao Paulo still. Das betrifft sogar die Politik. Auch der Wahlkampf läuft in Brasilien irgendwie nur noch so nebenbei. Die Kinder haben Ferien, viele Brasilianer sind ins Inland zum Johannisfest verreist. Das passt gut: Man ist ohnehin auf den Beinen. Die nächtelangen Forro-Tänze werden für die Übertragungen, die meist um 3.30 Uhr laufen – unterbrochen.

Schon während der ersten Spiele öffneten Banken und Behörden erst gegen Mittag, der Unterricht in Universitäten und Schulen begann später. Immer mehr Menschen haben sich inzwischen gelb-grüne Kleider angeschafft oder mindestens ein Fähnchen ans Auto gesteckt. Vor der Copa, wie die Brasilianer die WM nennen, waren sich die PR-Agenturen nicht einig, wie sich die Brasilianer wegen der nächtlichen Übertragungszeiten verhalten würden: Stehen sie überhaupt auf? Nach 15 Toren und fünf Siegen sind alle Zweifel verflogen. 52 Millionen Fans verfolgen regelmäßig die Übertragungen. 93 Prozent aller brasilianischen Fernseher sind zu nachtschlafener Zeit eingeschaltet.

Trainer Scolari freut sich, dass Deutschland der Gegner im Finale wäre: „Wir haben noch nie gegen Deutschland bei einer WM gespielt. Außerdem wurden die Deutschen genauso unterschätzt wie wir."

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