Sport : Mitbestimmen ohne mitzuspielen

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Von Stefan Hermanns

Yokohama. Es waren keine gute Nachrichten, die Harald Stenger in seiner Eigenschaft als Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes verkünden musste: Nach dem Finale der Fußball-WM wird es leider keine Party geben. Zumindest keine für die 2000 deutschen Fans, die nach Japan geflogen sind, um ihre Nationalmannschaft heute im Stadion von Yokohama zu unterstützen. Die regionalen japanischen Behörden sahen sich nämlich nicht in der Lage, in der Kürze der Zeit einen Platz aufzutreiben, „so dass wir diese Party leider absagen mussten".

Diese Party. Denn, damit das keiner falsch versteht: Die Deutschen spielen nicht gegen Brasilien, um sich hinterher als ehrenhafter Zweiter bei Joseph Blatter, dem Präsidenten des Weltfußballverbandes, die Silbermedaillen abzuholen. „Wir wissen, dass wir nicht der Favorit sind“, sagt Teamchef Rudi Völler, aber „wir haben Chancen, das Spiel zu gewinnen – ganz realistisch gesehen." Die Deutschen haben ja längst ihren Spaß an der Situation gefunden, dass sie für viele überraschend am wichtigsten Fußballspiel der Welt teilnehmen dürfen. Wenn Oliver Bierhoff in der Pressekonferenz vor dem Endspiel, bei seinem letzten offiziellen Auftritt als Nationalspieler, eine persönliche Bilanz zieht und sagt, er habe „das Maximum aus meiner Karriere herausgeholt“, dann gilt das auch für die Nationalelf, die nie zuvor seit dem Titelgewinn 1954 mit derart geringen Erwartungen zu einem WM-Turnier gereist ist wie in diesem Jahr. Die Finalteilnahme ist schon das Maximum, der Titelgewinn wäre gewissermaßen das Maximumste.

Sollten die Deutschen als Sieger aus dem Finale von Yokohama hervorgehen, dann wäre dies nur so etwas wie die Kurzversion des gesamten Turniers. Wieder ist das Team in der Position, dass ihr niemand allzu viel zutraut gegen Brasiliens Schöngeister, für die Fußball mehr ist als ein Wettbewerb darum, wer ein Tor mehr schießt als der Gegner. Oder in der deutschen Variante: wer ein Tor weniger kassiert als der Gegner. Ist es nicht so, dass die Leute denken: Ronaldo – oooh! Rivaldo – aaah! Und Ronaldinho - oha! Und auf der anderen Seite: armer Christoph Metzelder, bedauernswerter Thomas Linke, oh Gott, Carsten Ramelow. Rudi Völler sagt, „dass wir uns auch nicht kleiner machen sollten, als wir sind".

Entweder ist Rudi Völler ein ausgezeichneter Schauspieler oder er ist einer der coolsten Hunde, die der Weltfußball je gesehen hat. Am Tag vor dem Finale sind 250 Journalisten zur Abschluss-Pressekonferenz der Deutschen gekommen, 42 Kamerateams werden Völlers finalen Auftritt in den letzten Winkel dieser Erde senden, aber Völler gibt sich nicht anders als vor fünf Wochen in der Abgeschiedenheit von Miyazaki, wo alles angefangen hat. Der Teamchef sagt, „dass eine gewisse angenehme und positive Aufgeregtheit da ist. Das gehört sich auch.“ Rudi Völler weiß, wovon er redet. Er stand als Spieler zweimal im Finale (1986 und 1990) und sagt: „So eine Chance kriegst du nie wieder.“

Am Abend hat die Mannschaft im WM-Stadion trainiert, „da kommt so ein bisschen das besondere Gefühl auf“, sagt Völler. In einem WM-Finale wird es mehr als in jedem anderen Spiel darum gehen, das rechte Maß aus Anspannung und Lockerheit zu finden. In der Vorbereitung, „da wird sich nichts ändern“, sagt Völler. Und trotzdem ist alles anders. Marco Bode glaubt, dass es in den letzten Stunden nur noch darum geht, „die Nerven im Griff zu behalten". Das hat bisher ganz gut geklappt. Als Nervenbündel sind die Deutschen in diesem Turnier noch nicht auffällig geworden. Sie standen allerdings auch noch nicht unter dem Druck, eine Führung des Gegners egalisieren zu müssen. Möglicherweise wird sich das gegen die Brasilianer ändern, die in der Offensive überdurchschnittlich gut besetzt sind.

Im Halbfinale hat Völler festgestellt, „dass die Brasilianer fünfmal so viele Chancen hatten wie die Türken. Das müssen wir verhindern." Sein taktisches Konzept sieht vor, gegen Brasilien mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen. Die Mannschaft müsse versuchen, den Gegner hin und wieder unter Druck zu setzen, andererseits zählt im Zweifel die Sicherheit des eigenen Tores. Doch „wir werden nicht den Fehler machen, Brasilien nur anrennen zu lassen und nichts fürs Spiel zu machen“, sagt Stürmer Marco Bode. „Wenn man bei ihnen Schwächen finden kann, dann in der Defensive.“ Ihre Stärke sind vor allem in der Offensive zu finden, bei Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho, aber auch bei Roberto Carlos, dem stürmenden Linksverteidiger respektive verteidigenden Außenstürmer. Wie er diesen Spielern begegnen wolle, wurde Völler gefragt. „Wir werden versuchen, uns was einfallen zu lassen.“

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