Sport : Mithalten und verlieren

Karsten Doneck

Der Abend fing schon mal schlecht an. Da fuhr der "Materialwagen" des 1. FC Union mit den schweren Mannschaftskoffern vor dem recht weitläufigen Niedersachsenstadion vor. Einen Durchfahrtsschein konnten die Köpenicker nicht vorweisen. Die Ordner schalteten deshalb sofort auf stur, verweigerten dem Kleintransporter die Einfahrt. Selbst freundliche Überredungsversuche der Unioner veränderten die Sachlage nicht im Geringsten. Dumm gelaufen. Also mussten Physiotherapeut Jörg Blüthmann und Zeugwart Detlef Schneeweiß die ganzen Utensilien von einem Stadionparkplatz über eine schweißtreibende Distanz von mehreren hundert Metern in die Kabine schleppen.

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Wie der Anfang so das Ende: Im Zweitligaspiel bei Hannover 96 hielt Union über weite Strecken beachtlich mit, umso ärgerlicher war deshalb das Ergebnis: 2:3 (0:2) verloren. "Es gab nach unserer frühen 1:0-Führung eine Phase, in der wir Glück hatten, dass wir nicht den Ausgleich kassiert haben oder gar in Rückstand geraten sind", gab Hannovers Trainer Ralf Rangnick später zu.

Bei Union brach nach der Niederlage keineswegs das große Wehklagen aus. "Wir haben sowohl beim 0:1 zuvor in Mainz als auch jetzt in Hannover gezeigt, dass wir mit den Spitzenmannschaften der Liga mithalten können. Weder konditionell noch spieltechnisch fällt unsere Mannschaft ab", registrierte Manager Klaus Berge. Mithalten - das ist schön und gut, reicht aber nicht, wenn letztlich eine Winzigkeit an Cleverness fehlt, um ein auf der Kippe stehendes Spiel auch mal für sich entscheiden zu können. Wie in Hannover. Wie zuvor in Mainz.

Sieben Siege, vier Unentschieden, sieben Niederlagen - mit derart ausgewogener Bilanz überwintern die Köpenicker nun auf Platz zehn der Tabelle. Und der Bundesliga-Aufstieg, nicht nur von manchem Fan, mitunter auch von Präsident Heiner Bertram schnellstmöglich herbeigesehnt, steht aktuell nicht mehr auf der Tagesordnung. Im Gegenteil. "Wir können mit dem Jahr 2001 sicher zufrieden sein", urteilt Torwart Sven Beuckert, "aber im neuen Jahr müssen wir zusehen, dass wir unsere Punkte holen, um nicht in Gefahr zu geraten." Sechs Zähler trennen Union jetzt von einem Abstiegsrang, neun Zähler von einem Aufstiegsrang.

"Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Wir haben in diesem Jahr gleich mehrere Schritte nach vorne gemacht", behauptet Union-Trainer Georgi Wassilew. Und er betätigt sich gegen alle Euphorie rund um die Wuhlheide immer auch ein bisschen als Bremser. "Im Moment wäre es blind, in die Erste Liga zu gehen", hat der Bulgare in einem Interview im Union-Programmheft verraten. Ihm schwebt ein - zumindest etwas - langfristigerer Aufbau vor, auch um im Falle des Aufstiegs gegen die sofortige Absturzgefahr gewappnet zu sein. Die aktuellen Beispiele des 1. FC Nürnberg und des FC St. Pauli sind Wassilew Warnung genug.

Schon in der Holzklasse des deutschen Fußballs, der Zweiten Liga, erschreckt der 1. FC Union den fachkundigen Teil seines Anhangs ja mitunter mit groben Aussetzern einzelner Spieler. Mal steht bei einem Freistoß die Mauer wie aus Zuckerwatte zusammengefügt, ein andermal haben die gegnerischen Stürmer im Union-Strafraum Freiräume, als hafte ihnen ein besonders unangenehmer, distanz-fördernder Körpergeruch an. Manager Klaus Berge fordert deshalb: "Wir müssen einfach unsere Fehlerquote minimieren, um erfolgreicher zu sein." Leicht gesagt, schwer getan.

Vielleicht muss Union ja auch noch bei den Schiedsrichtern auf Good-will-Kurs gehen. Im zugig-kalten Niedersachsenstadion von Hannover hatte Referee Herbert Fandel aus dem rheinländischen Kyllburg nach 92 Sekunden einen Freistoß für die Gastgeber gepfiffen, über dessen Berechtigung sich trefflich streiten ließ, der aber dann vom überragenden Nebojsa Krupnikovic zum 1:0 für "96" im Netz versenkt wurde. Union schien fortan die Leistung des Schiedsrichters sehr sorgfältig und mit Argwohn zu betrachten. Wie sonst konnte Unions Kapitän Steffen Menze nach dem Abpfiff feststellen: "Die Schiedsrichterleistung war nicht in Ordnung. Der hat doch die ganze Zeit mit den Spielern von Hannover rumgescherzt, ich weiß wirklich nicht, ob das normal ist."

Zumindest die Union-Fans, die ihre Mannschaft nach Hannover begleitet hatten, demonstrierten, unabhängig vom Spielverlauf, ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber den Niedersachsen. Die Köpenicker hatten in diesem Jahr schließlich vier Spiele im Uefa-Pokal bestritten. Und Hannovers internationale Auftritte? Nichts da, dauernd nur Zweitligafußball. Also stimmte der Union-Anhang zwischendurch immer wieder mal seinen stolzen Spottgesang an in Richtung der Hannoveraner Fußballgemeinde. "In Europa", lautete ihr Liedtext, "kennt euch keine Sau."

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