Sport : Mitleid mit Millionären

Nach der 1:4-Niederlage im Derby zeichnet sich bei Manchester United ein Ende der Ära Ferguson ab

Raphael Honigstein

London. Es gibt im britischen Fußball den schönen Brauch, dass sich die Trainer unmittelbar nach dem Schlusspfiff die Hände schütteln. Manchmal werden dabei zwei freundliche Worte gemurmelt, oder der eine fasst den anderen am Ellbogen und deutet eine Umarmung an. Wenn das Verhältnis der Herren ein wenig gespannt ist, fällt die Zusammenkunft betont kurz und kühl aus. Doch in der überwiegenden Mehrheit aller Seitenlinien-Treffen verzieht keiner die Miene. Der Verlierer bemüht sich, Haltung zu bewahren; Fairplay verbietet dem Gewinner allzu grandiose Gesten.

Auch am Sonntag wiederholte sich nach Manchester Uniteds denkwürdiger 1:4-Niederlage beim Stadtrivalen Manchester City zwischen Alex Ferguson und Kevin Keegan das Ritual, doch die Zuschauer wurden dabei Zeugen eines völlig unerhörten, in der Premier League einmaligen Vorgangs: während Keegans rechte Hand beglückt die des Schotten drückte, tätschelte seine linke Sir Alex sanft über die Wange. Bisher hatte in England noch nie ein Kollege den Drang verspürt, dem knorrigen Ritter mit dem roten, teigigen Gesicht Streicheleinheiten zukommen zu lassen, besonders nach einer United-Niederlage gingen Freund und Feind lieber in Deckung. Auch „King Keggy“, der seit seinen Trainer-Tagen beim FC Newcastle einer von Fergusons Lieblingsfeinden ist, hatte in der Stunde des Triumphes keineswegs den Sinn für feine Manieren verloren, sondern augenscheinlich vielmehr Mitgefühl mit seinem Gegenüber empfunden. Sympathy for the red devil? So schlimm ist es für Ferguson schon gekommen.

Zwölf Punkte Rückstand hat United jetzt auf den FC Arsenal, der Titel ist verspielt. So mussten sich Uniteds Kicker wegen ihrer stümperhaften Abwehrfehler und des merkwürdig gefügigen Auftretens als „Derby-Esel“ in der „Sun“ verspotten lassen. Nur die Meldung, dass Ferguson seit kurzem einen Herzschrittmacher trägt, verhinderte scharfe Kritik am Trainer. Seltsam resigniert und ein wenig müde wirkte Sir Alex nach der schlimmsten Derby-Niederlage seit 1989 – anstatt wie gewohnt allerlei Verschwörungstheorien zu formulieren, sprach er emotionslos von „unrealistischer Abwehrarbeit“ und der vagen Hoffnung auf eine verbesserte Form in der Zukunft.

Im Herbst 2001, als United zuletzt derart desaströse Leistungen zeigte, hatte Ferguson noch alle Abgesänge für verfrüht erklärt: „Imperien sind immer untergegangen, weil ihnen die innere Stärke fehlte. Bei uns ist das nicht der Fall.“ Mittlerweile aber geben in den seriösen Tageszeitungen zunehmend die Revisionisten den Ton an – seit dem berühmten Triple von 1999 mit Triumphen in Pokal, Meisterschaft und Champions League hat Ferguson nur drei Titel gewonnen. „Wir hatten gedacht, dass 1999 der Beginn einer großen Zeit sein würde“, heißt es im „Observer“, „jetzt wissen wir, dass 1999 die große Zeit war“.

Die größten Probleme bereitet die Abwehr. Es ist kein Zufall, dass die Krise des Teams mit der Sperre von Rio Ferdinand zusammenfiel. Dass Ferguson es versäumte, im Winter einen Verteidiger einzukaufen, lässt sich schwerer erklären. „Vielleicht war er zu sehr mit den Besitzverhältnissen von Pferdesperma beschäftigt“, vermutet der „Guardian“ angesichts des juristischen Streits um Fergusons Preishengst Rock of Gibraltar. Auch die nach dem Abschied von David Beckham und Juan Sebastian Veron verpflichteten Spieler haben die Mannschaft nicht entscheidend weitergebracht.

Eine bessere Einkaufspolitik im Sommer könnte die dringendsten Defizite beheben, doch hat sich in dieser Saison ein Machtwechsel vollzogen: Arsenal spielt den schönsten und erfolgreichsten Fußball, Chelsea hat das meiste Geld. Ferguson dagegen muss mit dem Standortnachteil und seinem Ruf als „dogmatischer Dinosaurier“ („Sunday Herald“) kämpfen: Wer will sich schon im Regen von einem autokratischen Choleriker zusammenfalten lassen, wenn in London die Läden teurer, die Frauen schöner und die Trainer kultivierter sind?

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