Sport : Mitleid unerwünscht

Claus Vetter

Demonstrationen von Sportfans sind heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Insofern war es an sich auch nicht erstaunlich, dass sich am Sonntag rund 2000 Anhänger des EHC Eisbären im Vorfeld des Berliner Derbys in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) auf die Straße begaben. Äußerst ungewöhnlich war allerdings das Motiv der Fans des EHC. Sie inszenierten laut eigenem Bekunden einen Beerdigungsmarsch vom S-Bahnhof Westkreuz bis zur Deutschlandhalle - gewidmet war der Umzug den vor dem finanziellen Kollaps stehenden Capitals. Und von Mitleid war er nicht gerade getragen. "Deutschlandhalle für Millionen vom Senat saniert - Preussen ihr habt Berlin blamiert", war auf einem großen Transparent, das die Fans vor sich hertrugen, zu lesen. Bei der anschließenden Demonstration auf dem Eis vor 7000 Zuschauern in der Deutschlandhalle zeigten sich die totgesagten Berlin Capitals dann allerdings putzmunter und bezwangen die Eisbären mit 5:3 (2:1, 1:1, 2:0).

Dass die in dieser Saison nicht gerade für viele frohe Nachrichten sorgenden Capitals sich gestern von den Fans der Eisbären verspotten lassen mussten, das konnten sie am Ende verschmerzen: Schließlich versöhnte der Erfolg der zuletzt auch wegen der Unklarheiten bei den Capitals nicht überzeugenden Mannschaft die Anhänger. Mit begeistertem Applaus begleiteten die Anhänger der Capitals gestern die letzten Minuten des Erfolges im prestigeträchtigen Duell der beiden Lokalrivalen.

Ob es nun das vorerst letzte Berliner Derby in der DEL war oder nicht, das werden die kommenden Wochen wohl zeigen. Ein hochklassiges Derby sahen die Zuschauer gestern jedenfalls nicht, dafür aber ein sehr spannendes. Die lange Zeit offensiver agierenden Capitals hatten von Beginn an das Sagen. Nach nur vier Minuten hatte bei den Charlottenburgern der Mann der schnellen Tore zugeschlagen: Yvon Corriveau war Nutznießer kollektiver Untätigkeit in der Abwehr der Eisbären. Für Wjatscheslaw Fanduls war es dann zehn Minuten ebenfalls recht einfach, nach einem Konter den von seinen Mitspielern allein gelassenen Richard Shulmistra im Tor der Eisbären zu bezwingen.

Wer weiß, hätte Alexander Tscherbajew kurze Zeit nach dem 2:0 seine Torchance besser genutzt, dann wäre wohl im Folgenden kaum noch Dramatik aufgekommen. So aber konnte der agile Jeff Tomlinson nach einer schönen Einzelleistung seinen Kapitän Marc Fortier in Szene setzen und der noch im ersten Abschnitt den Anschlusstreffer für die Eisbären erzielen. Ein Tor, das die Hohenschönhausener offensichtlich beflügelte: Keith Aldridge konnte nach einem Konter Mitte des zweiten Drittels den gestern nicht immer sicher wirkenden Andrej Mezin im Tor der Capitals bezwingen.

Naturgemäß ging es nach dem Ausgleich der Eisbären wieder etwas robuster zur Sache: Dabei stellen sich die Capitals etwas geschickter als die Eisbären an, allen voran Francois Leroux. Am fast zwei Meter großen Kanadier prallten gestern alle Eisbären ab, was besonders Keith Aldridge nicht gefiel: Vor den Augen des Schiedsrichters motivierte der genervte Verteidiger der Eisbären seinen Gegner Leroux mit einem kleinen Stubser zu einem theatralischen Fall. Aldridge bekam zwei Minuten Strafe aufgebrummt, wenig später folgte ihm sein Mannschaftskamerad Nico Pyka auf die Strafbank. Die Capitals nutzen ihre numerische Überlegenheit zum 3:2 durch Tscherbajew.

Damit war es freilich noch nicht genug, es ging weiter munter hin und her: Gleich Anfang des letzen Abschnitts besorgte ausgerechnet der in dieser Saison oft kritisierte Martin Lindman bei Überzahl der Eisbären den Ausgleich. Die Freude darüber währte beim EHC allerdings nur bis zur 46. Minute - da nämlich gelang Andrej Wassilijew im Nachschuss der vorentscheidende Treffer für die Capitals. Den Schlusspunkt unter eine vom Ergebnis her gelungene Demonstation der Capitals setzte dann in der vorletzten Minute François Leroux - Eisbären-Keeper Shulmistra hatte das Eis zugunsten eines sechsten Feldspielers verlassen.

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